Archiv der Kategorie: Text

Peter Menasse [AT]

Zum Symposium 2018
entstandenes Werk
von Peter Menasse »
»Über Respektspersonen«

Eins
Das Leben meiner Großmutter Ella war geprägt von Fluchten. Die ersten acht Jahre lebte sie in Berditschew, einer Stadt in Russland, bis dann 1905 eine Welle von Pogromen über die Juden hereinbrach. Mit Hilfe eines ruthenischen Bauern – heute würde man ihn als Schlepper bezeichnen – konnte sie gemeinsam mit Mutter und Schwester ins damalige Österreich fliehen. Der Bauer, so erzählte sie, habe sie sich über die Schulter gelegt und durch den Grenzfluss getragen. In Tarnopol, im äußersten Osten der österreichischen Monarchie, absolvierte sie später eine Lehre als Schneiderin und nähte bald schon für alle Nachbarn, um ihren Unterricht selbst bezahlen zu können.

Als Ella siebzehn Jahre alt war, begann der Erste Weltkrieg. Im August 1914 passierten Einheiten der russischen Armee die galizische Grenze und besetzten Tarnopol. Wer konnte, brachte die jungen Frauen der Familie in Sicherheit. Ella wurde von Nachbarn, die selbst drei Töchter hatten, in einem Leiterwagen mitgenommen. Sie flohen nach Westgalizien, von dort mit der Bahn über Ungarn nach Wien.

Ella fand schnell Arbeit, zuerst als Haushälterin, dann als Schneiderin. In Wien heiratete sie und bekam drei Kinder. Der Betrieb, in dem ihr Mann Jakob arbeitete, ging 1930 im Zuge der Wirtschaftskrise bankrott. Man überließ dem Mitarbeiter als Abschlag für die Abfertigung ein kleines Souterrain-Lokal gleich neben dem Franz Josefs-Bahnhof. Hier begann meine Großmutter als selbstständige Schneiderin. Weil man dafür keinen Gewerbeschein brauchte, nähte sie vorerst nur Schlafröcke und Blusen. Später absolvierte sie alle notwendigen Prüfungen. Zwei Jahrzehnte nach ihrer zweiten Flucht beschäftigte sie zwanzig Mitarbeiterinnen. Im Jahr 1938 war Ella eine der ersten, die verstand, was es geschlagen hatte. Bis auf eine Nähmaschine ließ sie alles zurück und floh mit ihren Kindern nach England.

Dort begann Ella erneut als Haushälterin bei einer wohlhabenden Familie, etablierte sich aber bald wieder mit ihrem goldenen Handwerk. Sie konnte schließlich mehreren jüdischen Familien Jobs in England verschaffen und ihnen so die rettende Flucht aus Österreich ermöglichen. Über Jahrzehnte betrieb sie einen kleinen Schneidersalon, in dem andere jüdische Emigranten, aber auch Spanier, die vor der Franco-Diktatur geflüchtet waren, Arbeit fanden.
Meine Großmutter wurde 92 Jahre alt, in ihrem Fluchtland respektiert und geliebt.

Zwei
Der Kanzler besänftigt die Ängstlichen mit engelsgleichen Worten. Er versichert, dass alle Fluchtrouten geschlossen werden, dass alle potentiellen Eindringlinge schon weit entfernt von Europa abgewiesen werden, dass niemand die heimische Harmonie stören wird können. Das Fremde hat keine Chance.
Der Kanzler spricht nicht über Menschenrechte, nicht über das unendliche Leid, das in den Kriegsgebieten die Schwächsten trifft. Wer nicht in den engen Grenzen des Landes geboren wurde, darf keinen Respekt erwarten. Der Kanzler und seine Vorfahren mussten vermutlich niemals flüchten.

Der mit dem Kanzler in großer Harmonie regierende Partner sagt das Gleiche, will aber nicht so schön sprechen, wie es der Kanzler tut. Die Protagonisten dieser Partei verteufeln Asylsuchende und unterstellen ihnen, sie würden nur kommen wollen, um den Einheimischen alles zu nehmen.

Auf den Fußballplätzen und im Wirtshaus werden die Signale verstanden. »Scheißkanaken« schreit sagt man jetzt, »Türkenschweine« und Ähnliches. Wird es dabeibleiben, dass bloß geschrien wird?

Drei
Meine Mutter ist 94 Jahre alt. Ihre Jugend hatte sie in England verbracht, wohin sie mit ihrer Mutter, Ella der Schneiderin, flüchten hatte können. Dort ging sie zur Schule und arbeitete anschließend in einer Munitionsfabrik, um beizutragen, die Nationalsozialisten zu besiegen. Sie lernte meinen Vater kennen, der auch nach England geflüchtet war und heiratete. Nach der Rückkehr scheiterte die Ehe bald und es begannen existentielle Sorgen, hatte sie doch wegen des Kriegs keinen Beruf erlernen können. Sie bekam dank ihrer Englisch-Kenntnisse einen Job als Sekretärin in einem amerikanischen Unternehmen, versorgte ihren kleinen Sohn und ging mehrmals in der Woche abends in eine Handelsschule. Geld war kaum da, und doch schaffte sie es, mich die Armut nicht spüren zu lassen. Im siebten Bezirk, unweit des zerbombten Spittelberg-Areals lebten Menschen unter noch schlechteren Bedingungen als wir. Meine Mutter lud die ärmeren unter meinen Schulkollegen oft zum Essen ein.
Als sie feststellte, dass die Hausmeister-Wohnung im Souterrain kein Warmwasser hatte, ging sie im Haus von Tür zu Tür, um die Leute zu überzeugen, dass man zusammenlegen müsse, um auch für die Hausmeister menschenwürdige Zustände herzustellen. Leicht war das nicht, denn sie galt als die »Neue«, die Jüdin, die später zugezogen und in jeder Hinsicht suspekt war.
Meine Mutter half, wo sie konnte. Sie nahm am Wiederaufbau dieses Landes teil, an dessen Zerstörung sie im Gegensatz zu manchen anderen nicht beteiligt war.

Vier
Wer für Menschenrechte argumentiert, gerät sofort in die Defensive gegenüber dem sich rasant verstärkenden Mainstream. Ohne ein vorangestelltes: »Ich bin ja auch nicht für zügellosen Zuzug«, kannst du nicht mehr über Humanität reden. Der Respekt für Andere wird zur Nestbeschmutzung. Gab es in unserer Geschichte nicht schon einmal einen ähnlichen Sog zur gleichgeschalteten Menschen-Verteufelung?

Der bis heute von Vielen geachtete Wiener Bürgermeister Karl Lueger vor dem Reichsrat in Wien 1894: »Der Abgeordnete Popper hat behauptet, der Antisemitismus wird einmal zugrunde gehen. Gewiss, meine Herren, wird er einmal zugrunde gehen, aber erst dann, wenn der letzte Jude zugrunde gegangen sein wird.“

Adolf Hitler über Karl Lueger: »Der Mann und die Bewegung galten in meinen Augen als ‚reaktionär‘. Das gewöhnliche Gerechtigkeitsgefühl aber mußte dieses Urteil in eben dem Maße abändern, in dem ich Gelegenheit erhielt, Mann und Werk kennenzulernen; und langsam wuchs die gerechte Beurteilung zur unverhohlenen Bewunderung. Heute sehe ich in dem Manne mehr noch als früher den gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten.«

Fünf
Wolfgang Ambros, Sänger:
»I red und red,
I versuch zu erklärn,
I bin schon ganz hasrig, mir fallt nix mehr ein.
Wos soll jetzt werdn?«

Biographisches zu Peter Menasse [AT] »

1947 geboren in Wien, Studium der Betriebswirtschaft. Lebt in Trausdorf/Trajštof, Burgenland und in Wien. Arbeitet hauptberuflich als Kommunikationsberater. Bis 2017 Chefredakteur des vier Mal jährlich erschienene jüdische Magazins NU (www.nunu.at), Autor des Buches »Rede an uns« (edition a) und Gastkommentator in zahlreichen österreichischen Medien. Mitwirkung an der Fernsehserie »Dajgezzen« im Wiener TV-Kanal »Okto« (www.okto.tv);
www.petermenasse.at

» zurück zu Teilnehmer/innen 2018

Theodora Bauer [AT]

Zum Symposium 2018
entstandenes Werk von Theodora Bauer [AT] »
»Das ungemeine Verschwinden von R.
Versuch einer Geschichte; nein, ein Bericht.«

Seit R. weg ist, weiß ich mir nicht mehr richtig zu helfen. Meine Erinnerungen an sie sind spärlich, dünnen immer mehr aus, obwohl ihr Verschwinden meinem Empfinden nach noch gar nicht so lange zurückliegt. R. war nie eine besondere Schönheit gewesen, und dennoch hatte ihr Wesen etwas Erhabenes. Der hohe Gang, die schmalen Hüften, sie wirkte verletzlich und doch unheimlich stark, sehnig, zäh. Eine Frau wie sie hätte mir unter anderen Umständen nicht gefallen. Aber unter diesen –

Man hatte mich vorgewarnt, und trotzdem war da eine große Überraschung gewesen, als sie verschwand; eine Kränkung irgendwo, die Verletzung und eine Wunde, die ich mir nicht eingestehen wollte. Ihr selbst war auch bei sehr eingehender Betrachtung der Sache kein Vorwurf zu machen. Sie kam und ging, nichts anderes war abgemacht gewesen. Man hatte mich vorgewarnt: Durch nichts war sie zu halten, wenn sie gehen wollte; und wenn sie da war, wollte man sie nicht gehen lassen. Ich wisse nicht, worauf ich mich einließe, hatten sie gesagt, und natürlich hatten sie recht gehabt. So viele hatte schon ein ähnliches Schicksal ereilt wie mich. Doch ich hatte mir gedacht, dieses Mal würde es anders sein, mit mir würde es anders sein, ich würde sie halten können, sie würde bleiben, freiwillig und ohne Zwang; sie müsste doch wissen, was sie mir bedeutete. Und dann war da ihr plötzliches, hallendes Fehlen in meinem Leben, das sich still und leise um sie herum angeordnet hatte, fast, ohne dass ich es gemerkt hatte. So machte sie auf die ihr eigene Art mit meinen kindischen Träumereien Schluss.

R. war an einem Abend verschwunden, erzählte man sich. Ich war an diesem Tag gar nicht im Lande, ein Umstand, der mir nun Sorgen bereitet. Vielleicht hätte ich sie zum Bleiben überreden können. Sie hatten einen Sommerausflug gemacht, waren an den Waldrand gefahren; ein Lagerfeuer am See, sie hatten es sich so schön vorgestellt. Sie waren um das frisch entzündete Feuer gesessen, hatten gesprochen, angeregt; ihre Kleider waren noch feucht gewesen vom Wasser, das in Tropfen an ihren Körpern gehangen war nach dem Schwimmen, und da, plötzlich, war es dem Ersten aufgefallen: R. war weg. Zuerst hatten sie sich nichts daraus gemacht, waren sitzen geblieben, hatten gescherzt; diese Frauen, und immer entzögen sie sich zu den unpassendsten Gelegenheiten – aber R. war nicht wiedergekommen. In der vollständigen Dunkelheit erst, als ihr Fehlen nicht mehr zu leugnen gewesen war, hatten sie sich aufgemacht, um sie zu suchen. Erfolg hatten sie keinen gehabt, doch das ist an dieser Stelle wohl nicht mehr verwunderlich.

R. hatte, trotz ihrer Schweigsamkeit, immer einen heilsamen Einfluss auf ihre Umgebung ausgeübt. Es gibt Menschen, die durch ihre schiere Anwesenheit heilen. Ihr Gesicht mag gar nichts aussagen über diesen Prozess, oder ihre Gesten, sie mögen selbst gar nichts wissen von ihrer Gabe – und dennoch. Ruhe und Wohlgefühl fließen aus ihnen in zahmen Wellen, man spürt sie kaum um die Füße, und netzen tun sie doch. Sie sagen: Das Meer ist nah, Heilung ist greifbar, und einen Moment lang ist die Welt so, wie sie sein sollte. Menschen wie R., mit ihrer Pragmatik, ihrer Ungezwungenheit und diesem gewissen herben Charme, der in jeder ihrer Bewegungen liegt, vermisst man erst, wenn sie weg sind. Aber dann reißt einem ihr Fehlen ein plötzliches Loch ins Herz, die Luft zum Atmen fehlt, das feine Material, aus dem wir gesponnen sind, löst sich auf und wir zerfließen unbestimmt, wie weiches Sonnenlicht, wie schimmernder Zucker im weiten See.

Ich weiß, sie warten noch auf R., aber um sie zu finden tun sie nichts mehr. Sie haben das Suchen schon aufgegeben. Das, glaube ich, würde sie ihnen nachtragen: Dass sie aufgegeben haben. Man gewöhnt sich an ein Leben ohne R., das habe selbst ich feststellen müssen, wo ich doch gedacht hatte, ohne sie geht nichts. Man vergisst alle irgendwann. Man vergisst R., obwohl sie das wahrscheinlich nicht gerne hören würde. Doch alle Bemühungen wären sinnlos, jede Anstrengung wäre umsonst. R. ließ sich noch nie durch Provokationen locken, auch nicht durch Herausforderungen; wenn sie kommen will, kommt sie von selbst. So zumindest erzählen sie es sich, und erleichtern sich damit gegenseitig das Gewissen, nehmen sich damit gegenseitig die Verantwortung von den Schultern, die sie und niemand sonst an ihrem Fehlen tragen.

Ich glaube noch immer daran, dass sie uns mit ihrem Verschwinden etwas sagen wollte. Dass sie mir damit etwas sagen wollte. Sie sagen zwar, ich sollte mich nicht so ernst nehmen, und wer ich schon sei, dass sich so eine wie R. aus mir etwas mache, ausgerechnet aus mir – sie ist schon längst über alle Berge und schmeißt sich nun einem anderen an den Hals – aber ich glaube das nicht. Ich sehe etwas anderes. R. ist eine freie Frau, das ist mir klar; aber wenn sie an diesem verhängnisvollen Abend am Lagerfeuer besser auf sie aufgepasst hätten, wenn sie ihre einfache und doch so wichtige Anwesenheit nicht so selbstverständlich genommen hätten, vielleicht wäre sie geblieben. Vielleicht wäre sie geblieben, wenn sie gewusst hätte, dass man sie braucht.

Ich kenne sie nicht so gut, wie ich meine; ich kann darüber kein abschließendes Urteil bilden. Aber ich glaube, dass ihr Verschwinden einen Zweck hatte. Nicht Trotz, nicht Hader, keine rachsüchtige Lehre, die sie uns erteilen wollte – nein, sie muss sich etwas gedacht haben dabei. Nur was – was? Das ist der Punkt, an dem meine Gedanken stocken, und alles zurückkehrt zu den Anfängen, zu ihrem Weggehen ohne Worte, ohne Warum, ohne Grund. Manchmal, in dunkler Nacht, sehe ich sie in der Tiefe des Sees schwimmen wie einen weißen Schleier, die Augen offen, ihr Blick undurchdringlich und abgeschlossen, dicht wie Metall. Ich sehe sie nackt, und diese Nacktheit scheint mir so klar und deutlich zu sprechen von allem, was diese Welt zusammenhält, wie ich es mit Worten nicht vermöchte – aber ich schweife ab. Ich öffne dann die Augen, selbst, weit, es ist kein Wasser um mich herum, keine Nacht, nur das dunkle Glimmen der Straßenlaternen hinter meinem Fenster, die ihre körnige Saat in die Finsternis streuen. Ich beruhige meinen Atem, versuche, alle Gedanken an sie aus meinem Kopf zu drücken, doch es will mir nicht gelingen. Irgendwer ist immer wach um diese Zeit; jemand, der Gitarre spielt, der Hund des Nachbarn, der hinter der Wohnungstüre verhalten knurrt, ein betrunkenes Gellen auf der Straße vor dem Haus. Nichts hilft, in der Stille immer wieder sie, es tut mir weh, ich tu mir weh mit all den Fragen zwischen meinen Zähnen, die ich ihr nie stellen konnte, weil sie ging.

Einmal fühle ich diesen Schmerz, bedingungslos und ohne Ende; einmal habe ich sie fast vergessen, und bin darüber still beschämt. Keine zwei Momente sind dieselben, seit sie verschwunden ist; kein Tag vergeht, ohne dass ihr Schatten wie eine seltsame Mahnung über meinen Gedanken hängt. Sie sagen, ich solle mich damit abfinden; das ist die neue Welt, das ist mein neues Leben ohne R.; aber das kann und will mir nicht gelingen. Wenn ich glaube, ihr Schatten hat sich verzogen, gleitet sie lautlos und tot durch meinen Traum. Ich kann sie nicht unter die Oberfläche drücken, wie ich sollte; dort schlägt sie bittere Wellen. Was mit ihr zusammenhängt, kann kein Ende haben: R. bleibt verschwunden. Die Fragen bleiben aufgerissen, offen. Und wie um mich Lügen zu strafen, lebt alles ganz einfach vor sich hin.

von Theodora Bauer zum Thema »Respekt«

Biographisches zu Theodora Bauer [AT] »

1990 in Wien geboren, Studium an der Universität Wien, Bakkalaureat in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (2013), Bachelor in Philosophie (2015).  Publikation des Debütromans »Das Fell der Tante Meri« (2014) im Picus Verlag und des Essays »Così fanno i filosofi« (2016) im Limbus Verlag. Das Theaterstück »papier.waren.pospischil« steht seit 2016 bei Schultz & Schirm unter Vertrag. Der zweite Roman »Chikago« (2017) erschien ebenfalls im Picus Verlag. Teilnahme am 20. Klagenfurter Literaturkurs im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Preises mit dem Manuskript von »Chikago« (2016). »papier.waren.pospischil« gewinnt den 1. Preis beim Festival “Die Freiheit des Lachens«, ausgeschrieben vom Salzburger Landestheater (2017).  Aufführung des Theaterstückes »Am Vorabend« nach einem Text von Marie von Ebner-Eschenbach beim Thalhof Festival in Reichenau an der Rax (2018). Theodora Bauer erhält den Anerkennungspreis der Burgenlandstiftung Theodor Kery für »Chikago« (2018) und das DramatikerInnenstipendium des Bundes für ein in Arbeit befindliches Theaterstück (2018). Seit September 2018 moderiert sie abwechselnd mit Alfred Komarek die Literatursendung »literaTOUR«, die im österreichischen Sender ServusTV ausgestrahlt wird.

theodorabauer.at

» zurück zu Teilnehmer/innen 2018

Jakob Perschy [AT] (EN)

To the Symposium 2017
resulting works by Jakob Perschy [AT] »
(DE) hier »

Therapist: Your fears are completely unfounded, my dear Mrs Fear,
you really don‘t need to fear for yourself at all! Your future looks more promising than ever. Quite the contrary, really! After all,
people come up with new ways to support your existence, to ensure your survival, all the time. One word – chemtrails.
Fear: Yes, but no one actually wants to have me.
Therapist: Don‘t say that, that‘s not true. I for one am someone who believes in tackling every problem at its roots. And this is why I consider you, my dear Mrs Fear, a vital part of evolution. Even the freeze response you trigger must have meant an advantage for survival at some point, otherwise it wouldn‘t exist.
Fear: Wouldn‘t, couldn‘t, shouldn‘t…
Therapist: My point is, it exists for a reason. Just imagine: short-sighted Tyrannosaurus attacks our mammal-like ancestor. The latter freezes in fear, which leads the Tyrannosaurus to mistake it for a piece of wood and leave empty-handed. Millions of years later, the Tyrannosaurus even goes extinct because meteorites keep falling on its head, while our mammallike ancestors survive because they‘re so afraid they hide in holes in the ground. So as you can see, my dear, you are really important. Existential. Just out of curiosity, is there anything you yourself are absolutely afraid of?
Fear: I‘m a Celebrity, Get Me Out of Here!
Therapist: Well, there you go!

Biographical to Jakob Perschy [AT]»

Jakob Michael Perschy was born in 1960 and raised in Neusiedl am See. He has read books, lent them to others, sold, critiqued,  reviewed, edited and published them and has, finally, also written some himself. He is the manager of the state library Burgenländische Landesbibliothek in Eisenstadt.

back to Teilnehmer/innen 2017 »

Jakob Perschy [AT]

Zum Symposium 2017
entstandene Werke von Jakob Perschy [AT] » (EN) here
»

Angst
in Therapie

Therapeut: Also, vollkommen ungerechtfertigt, gnädige Frau Angst,
vollkommen ungerechtfertigt, Ihre Ängste, Sie brauchen sie selbst um Ihretwillen überhaupt nicht zu haben! Ihre Existenz ist gesicherter denn je! Im Gegenteil, im Gegenteil! Man erfindet ja immer wieder Sachen, die Ihre Existenz stärken, Ihr Dasein stützen! Ich sage nur: Chemtrails!
Angst: Ja, aber haben will mich niemand.
Therapeut: Glauben Sie das nicht, glauben Sie das nicht. Ich bin ja
einer, der jedes Problem von seinen Wurzeln her anfasst. Und somit
sehe ich Sie, liebe Frau Angst, als unabdingbares Teil der Evolution.
Selbst die ja nach Ihnen benannte Starre muss einmal einen
Überlebensvorteil impliziert haben, sonst gäbe es sie ja gar nicht.
Angst: Gäbe, gäbe, gäbe!
Therapeut: Von mir aus: würde es sie ja nicht geben. Aber stellen Sie
sich vor: Kurzsichtiger Tyrannosaurus greift unseren säugetier-ähnlichen Vorfahren an. Letzterer verfällt daraufhin in Angststarre, woraufhin ihn der kurzsichtige Tyrannosaurus für ein Stück Holz hält und unverrichteter Dinge seiner Wege geht. Jahrmillionen später stirbt der Tyrannosaurus sogar aus, weil ihm dauernd Meteoriten auf den Kopf fallen, während unsere säugetierähnlichen Vorfahren überleben, weil sie sich vor lauter Angst in Erdlöchern verstecken. Sie, liebe Frau, sind also wirklich wichtig. Existentiell. Gibt es eigentlich etwas, wovor Sie selbst sich absolut fürchten?
Angst: Ich bin ein Star, holt mich hier raus!
Therapeut: Na, oiso!

Angst
in der Bibliothek

Bibliothekar: Ah jo, gnä Frau, Sei san dei, dei wos iwa die Aungst a
Diplomoaweit schreim tuad. Do sans bei mia gaunz richtich, wäü i
söwa a Horrorfän sei tua und do häd i Eahna schou olahaund hergricht: Do, dea gaunze Stoß is Stephen King, dea is supa, howi das meiste söwa gleisn, Christine, Brennen muss Salem, Friedhof der Kuscheltiere, sehr sehr leiwaund. Do kumas mid aner Ganslhaud goa ned aus. Daun häd i do no an Handge, Die Angst des Tormanns bein Elfmeter, hod ma söwa eigandlich goa nid goasoguad gfoin, owa es warad wengan Titel und außadeim mochat si a Handge in da Diblomoaweid auf jedn Foi guad. Sou, wos häd ma do nou, assou, dies san Angostura-Rezepte, do howi mi vadau, dies kemma glei wieda weg tuan. Owa Brimärliteratur tatn ma eh no gnua hom tuan, tuan maramoi zweng dera Segundärliteratur schaun: Do hät maramoi in Schopenhauer, sowiaso, daun in Kierkegaard, aa net schlecht, daun wos vaun Schill Delöös, passat aa, Schaupol Sartre, aa gaunz guad, eventunö nou in Mischell Fukoo…
Diplomandin: Entschuldjen Sie, da hamse mich am Telefon offensichtlich missverstanden. Mir geht es gar nicht so um die Abstraktion der Angst in der Literatur und Philosophie, mir geht es eher um das, was uns im Alltag ganz konkret Angst macht!
Bibliothekar: Ah sou! Do gengans owa gscheida glei umi zun Kollegn,
dea hod neimlich di aktuellen Wahlkampfbroschüren.

Biographisches zu Jakob Perschy [AT] »

Jakob Michael Perschy, geboren 1960 und aufgewachsen in Neusiedl am See, hat Bücher gelesen, verliehen, verkauft, rezensiert, lektoriert, redigiert, herausgegeben und schließlich auch selbst welche geschrieben. Er leitet die Burgenländische Landesbibliothek in Eisenstadt.

zurück zu Teilnehmer/innen 2017 »

 

Frank Piontek [DE] (EN)

To the Symposium 2017
resulting works by Frank Piontek [DE] »
(DE) hier »

Robert Musil was living in Swiss exile when, after years of working on the novel of all novels, The Man Without Qualities, he was still searching for its ending, because an ending was not something he was ever able to find, only sketch out (in thoughts and notes, detours and wrong turns, alternatives and variations, drafts and dreams). Far away from home, and already broke anyway, the threat of total financial ruin loomed over him every day. It was a strange ending to the life of one the greatest and most significant writers of the 20th century, whose work has brought great enjoyment not only to me – for the discrepancy between his novel and his earthly existence was as unparalleled as his work itself. Strange indeed: looking at it from today‘s perspective, the many sorrows and worries of Musil‘s life seemed to disappear when it came to his work (even the second, unfinished volume). Musil the author never feared being left behind, Musil the human feared life immensely; his work remained great and strangely cheerful, while at the same time he despaired, until one Wednesday in Geneva he perished of a stroke. That is horrible, in a way. But is that the only way to look at it?
What is really important?

The present – the future. That hopes can be disappointed is common knowledge. That fear is (not) a good adviser is something only the victims and beneficiaries of Germany‘s current social welfare system know. Even full paying members of the Artists‘ Social Security Fund would not be inclined to leave something like The Man Without Qualities as a giant fragment.

Yesterday, I stood before HIM. He fixated me, regarding me with a calm but intense look, as if he was testing me. I could not bear facing him for long, although I found visiting his former home delightful. Strictly speaking, however, it was not even his – it only looked like it, and was located one floor below Musil‘s original apartment (No. 8), which is now apparently occupied by a slightly mentally disturbed person: a handwritten note taped to the door informs us that he lives in a refrigerator, and has had his stove taken away from him. By the apartment‘s windows I can see dried up flowers, a wild tangle of plants, and above them an arrangement of thin paper strips that is likely supposed to constitute a privacy shield. Very odd.

In Musil‘s new apartment, which I can easily picture as his old one, somebody from the GAV, the Graz Authors‘ Association, is keeping watch. She ushers us inside with kind smile and accompanies us past the small rooms next to the kitchen through Musil‘s former rooms: in particular the bedroom, which we have to cross first in order to gain access to the sanctum, Musil‘s study, where a long desk once carried his manuscripts and books. Behind the desk: the same uniquely shaped bookshelf from the past. It is a work space and a feel-good space at the same time – despite the lighting, which lacks a little in brightness, and the awful noise that keeps filtering in through the windows from the construction and tarring work on the street outside. Even that fits, however: Musil once described, with beautiful irony, the »quiet street« and its traffic noise in the midst of which he had to live and work (allegedly his study was soundproofed; hardly conceivable, given these old windows). I see a splash of dark blue, and further ahead, an intensely dark green: colours as vibrant and bold as Musil‘s prose. Looking over at the neighbouring Palais Salm – a charming little building, much smaller than the Palais Rasumowsky, which lies on the opposite side of the street, which it also leant its name to – this is where he wrote about Ulrich sitting in his palais, looking out from behind the grates that still decorate the windows today. I do not see the small hill Musil described, but I in my mind I can picture Ulrich and Agathe as they observe the pedestrians close-by. Meanwhile, the noise outside persists, and drizzling rain is mingling with the grey sky; inside, memories of the past manage to make time stand still for a little while, thanks, in part, to HIM, who is steadfastly watching me, scrutinising me, not so much questioning as silent – but at the same time, his silence comprises infinite questions. What am I supposed to say? I remain mute, and I leave, unafraid.

We chat a little with the nice woman from the GAV; she says she cannot imagine where Martha Musil even did her painting. There is hardly any room for an easel in the study. Another gap in our education: Martha Musil, the painter. Her beautiful portrait is indeed facing us; across from it, Robert Musil is standing inside his study, with his back straight. I circle the desk, leafing through the various publications of the Graz Authors‘ Association. This way I come across even more dead people who seem strangely alive. A hardcover collection of Musil‘s aphorisms with a beautiful horizontal design finds its way to us from Klagenfurt – another gift, which we proceed to peruse not far from the apartment at Café Zartl, where we watch Vienna‘s last operetta composer while he works, can practically feel the polite Czech waiter wanting to apologise, and sit on the very same red and gold striped cushions Musil probably never sat on. It is no coincidence that none of his scenes are set in a place as deliciously distracting as a coffeehouse.

Biographical to Frank Piontek [DE] »

Born in Berlin in 1964. Has lived in Bayreuth since 1988. Author of numerous essays and articles on musical theatre, art and literature, as well as comprehensive blogs about Musil‘s »The Man Without Qualities« and Jean Paul‘s »The Invisible Lodge« (for the Bavarian State Library). Has given lectures and readings in Bayreuth, Leipzig, Salzburg, Paris, Berlin, Kassel, Bamberg, Verona and Venice. His stage play »Casanova kam zu spät« (»Casanova was late«) premiered in 1997 (at Margravial Opera House in Bayreuth), his play »Siebenkäs« in 2013 (at Studiobühne Bayreuth). Dramaturg for the scenic-musical premiere of Wagner‘s »Men Are More Cunning Than Women« (at Hauptstadtoper Berlin in 2013). Internships in stage direction and dramaturgy at Semper Opera House, Vienna State Opera and E.T.A Hoffmann Theatre in Bamberg. Involved in the concept development for »Jean-Paul-Weg« in Oberfranken, as well as the Jean Paul Museum in Bayreuth.

back to Teilnehmer/innen 2017 »

Frank Piontek [DE]

Zum Symposium 2017
entstandenes Werk von Frank Piontek [DE] » (EN) here
»

Als Robert Musil nach jahrelanger Arbeit am Roman aller Romane, dem Mann ohne Eigenschaften, noch an kein Ende gekommen war, weil ein Ende nicht zu erreichen, nur zu skizzieren war (in Gedanken, Notizen, Um- und Abwegen, Alternativen, Varianten, Entwürfen und Träumen), saß er im Schweizer Exil. Fern der Heimat, musste er täglich fürchten, finanziell völlig auszubluten; pleite war er eh schon. So kam einer der größten¹ und bedeutendsten² Schriftsteller des
20. Jahrhunderts, dessen Werk nicht nur mir größtes Vergnügen gemacht hat, an ein seltsames Ende – denn die Diskrepanz zwischen seinem Roman und seiner irdischen Existenz wa¹¹r so unvergleichlich wie das Werk selbst. Doch seltsam: Von heute aus betrachtet verflüchtigten sich Musils gravierende Lebenssorgen, sobald man es mit dem Werk (und sei es dem zweiten unvollendeten Band) zu tun hatte. Der Autor Musil musste niemals fürchten, ins Aus katapultiert zu werden, die Lebensfurcht war immens, das Werk blieb groß und seltsam heiter, der Mensch verzweifelte, bis ihn an einem Genfer Mittwochstag der Schlag traf. Eigentlich furchtbar – und uneigentlich?
Worauf kommt es an?

Auf die Gegenwart – auf die Zukunft. Dass Hoffnung enttäuscht werden kann, ist eine Binsenweisheit. Dass Furcht (k)ein guter Ratgeber ist, wissen nur die Opfer und Nutznießer des gegenwärtigen bundesdeutschen Sozialsystems. Auch als vollzahlendes Mitglied der Künstlersozialkasse ist man nicht disponiert, einen Mann ohne Eigenschaften als gigantisches Fragment zu hinterlassen.

Gestern stand ich vor IHM. Er fixierte mich, mich ruhig, aber intensiv betrachtend, als prüfte er mich. Ich hielt‘s nicht lange vor ihm aus, obwohl es mir angenehm war, in seiner Wohnung zu weilen. Dabei war ich gar nicht in seiner Wohnung – sie sah nur so aus, und befand sich ein Stockwerk unter der seinen (No. 8), die nun ein offensichtlich leicht Geistesgestörter bewohnt, der einen handgeschriebenen Zettel an die Tür geklebt hat: er wohne in einem Kühlschrank, man habe ihm seinen Ofen entfernt. An den Fenstern sehe ich vertrocknete Blumen, wildwuchernde Pflanzen, darüber relativ schmale Papierstreifen, die wohl als Sichtschutz dienen sollen. Sehr seltsam.

In Musils neuer Wohnung, die ich mir gut als die seine vorstellen kann, hält eine Frau vom GAV, der Grazer Autorinnen Autorenversammlung, Wache. Sie lässt uns freundlich ein und begleitet uns an den kleinen Zimmern, die nach der Küche folgen, vorbei durch die ehemaligen Räume: zumal das Schlafzimmer, durch das man durch musste, wollte man in das Allerheiligste eindringen, wo ein langer Schreibtisch einst die Manuskripte und Bücher trug. Dahinter: immer noch das eigentümlich geschnittene Bücherregal: ein Arbeitsraum, der auch ein Wohlfühlraum ist – trotz des nicht sonderlich starken Lichts und des schrecklichen Bau- und Teerlärms, der von der Gasse durch die Fenster dringt. Auch dies passt: denn Musil beschrieb einst in schöner Ironie die »stille Gasse« mit ihren Verkehrgeräuschen, in der er zu leben und zu arbeiten habe (das Arbeitszimmer war angeblich schallgeschützt; kaum vorstellbar bei den alten Fenstern). Ein dunkles Blau, weiter vorn ein intensivdunkles Grün: das alles ist so kräftig und deutlich wie Musils Prosa. Hier also (»Hier also«) schrieb er, zum benachbarten Palais Salm schauend – einem entzückenden kleinen Bau, wesentlich kleiner als das gegenüberliegende Palais Rasumowsky, das der Gasse den Namen gab –, über Ulrich, der in seinem Palais saß und durch das nach wie vor existierende Gitter schaute. Den kleinen Hügel sehe ich nicht, aber ich kann mir vorstellen, wie Ulrich und Agathe die sehr nahen Fußgänger beobachten. Es lärmt derweilen, es nieselt ins Grau hinein, drinnen schafft es die Erinnerung, dass die Zeit ein wenig stehen bleibt auch dank IHM, der mich unverwandt anschaut, prüfend, weniger fragend als schweigend – und in diesem Schweigen unendlich fragend. Was soll ich sagen? Ich bleibe stumm, ich gehe, angstlos.

Wir unterhalten uns ein bisschen mit der freundlichen Frau von der GAV; sie sagt, sie könne sich nicht vorstellen, wo Martha Musil eigentlich gemalt habe. Im Arbeitszimmer ist kaum Platz für eine Staffelei denkbar. Noch so eine Bildungslücke: Martha Musil, die Malerin. Das schöne Porträt schaut uns immerhin an, gegenüber steht Musil, Rücken gerade, in seinem Arbeitszimmer. Ich umrunde den Tisch, blättere in den Publikationen der GAV, der Grazer Autorinnen Autorenversammlung, auch dort liegen Tote, die auf seltsame Weise lebendig erscheinen. Aus Klagenfurt flattert eine gebundene Sammlung von Musil–Aphorismen, im schönen Querformat, auf uns zu – auch das ist ein Geschenk, das wir unweit der Wohnung, im Café Zartl durchblättern, wo wir den letzten Wiener Operettenkomponisten bei der Arbeit sehen, einen höflichen tschechischen Kellner sich entschuldigen fühlen und auf jenen rotgoldgestreiften Polstern sitzen, auf denen Musil vermutlich nie saß. Es ist kein Zufall, dass keine seiner Szenen in so etwas köstlich Zerstreuendem wie einem Caféhaus spielt.

Es ist ein Grundzug der Kultur, dass der Mensch dem außerhalb seines eigenen Kreises lebenden Menschen aufs tiefste misstraut, also dass nicht nur ein Germane einen Juden, sondern auch ein Fußballspieler einen Klavierspieler für ein unbegreifliches und minderwertiges Wesen hält.
Robert Musil

¹  Größe: Das allzu oft gebrauchte Wort meint, was es meint. Musils Roman ist ein Gebirge, an dem man sich noch lange abarbeiten wird.

² Bedeutend: im Sinne Goethes, d.h.: der Deutungen kann kein Ende sein.

Biographisches zu Frank Piontek [DE] »

1964 in Berlin geboren. Seit 1988 in
Bayreuth. Viele Aufsätze und Artikel über Musiktheater, Kunst und Literatur. Umfangreiche Blogs über Musils »Mann ohne Eigenschaften« und Jean Pauls »Die unsichtbare Loge« (für die Bayerische Staatsbibl.) Vorträge und Lesungen in Bayreuth, Leipzig, Salzburg, Paris, Berlin, Kassel, Bamberg, Verona, Venedig u.a. 1997 UA Theaterstück »Casanova kam zu spät« (Markgräfl. Opernhaus). 2013 UA Siebenkäs (Studiobühne Bayreuth). Dramaturg bei der szenisch-musikalischen Uraufführung von Wagners »Männerlist größer als Frauenlist« (Hauptstadtoper Berlin 2013). Regie- und Dramaturgiehospitanzen: Semper-Oper, Wiener Staatsoper, E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg. Mitkonzeption des »Jean-Paul-Wegs« in Oberfranken und des Jean-Paul-Museums Bayreuth.

zurück zu Teilnehmer/innen 2017 »

Johanna Sebauer [AT] (EN)

To the Symposium 2017
resulting works by Johanna Sebauer [AT] »
(DE) hier »

The Tortoise

It was a bargain buy. »It’s in great physical shape,« the vendor said, proudly stroking his excessively puffy moustache. »Fit as a fiddle. I’ll give you a good deal, just because it‘s you. You seem like a nice guy.« Back then I didn‘t know any better and believed him.

So I paid him and was very pleased with my purchase. What a good price for a Greek tortoise, and, at least that‘s what I thought back then, quite a beautiful one at that. »It‘s 15 years old now,« the vendor had said to me. »With good care, it can live to a hundred.«
With my tortoise in a shoebox I headed home. That summer was a terribly hot and humid one, and I vividly remember thinking to myself, the tortoise must be delighted about the heat. »Just like home,« I had whispered to it on our bus ride back to my apartment, me on a plastic seat that was slowly becoming sticky under my sweating thighs, the tortoise in its shoebox on my lap. It hardly moved. Now and then I opened the lid, which was scattered with little holes I had pricked into it with a ballpoint pen, but the tortoise had hidden in its shell and was lying in a corner, perfectly still.
After a few days of getting used to each other in the peaceful calm and sweltering heat of my small city apartment, I named the tortoise Egon. I thought it was a fitting name.

Egon appeared to be very comfortable. He ate plenty. His favourites were lettuce, cucumbers, tomatoes, and strawberries, which he sometimes devoured so greedily, red strawberry juice would trickle from his narrow, hard nostrils. He did his business at regular intervals, and it looked just like it was supposed to look. To make sure, I had done a Google research myself and clicked my way through countless images of tortoise poop until I was satisfied that everything was as it should be when it came to my tortoise and his poop.

At first, Egon lived in a guinea pig cage I still had standing around in my cellar compartment from when it had belonged to my guinea pig Konstantin, who had passed away many years ago. But soon, I started to feel a little sorry for Egon, because there really wasn‘t a lot of space for him in a guinea pig‘s cage. So I decided to just let Egon roam free in my apartment. The cage‘s orange plastic floor part, from which I had cut out a piece so Egon could enter more easily, served as a place for him to retreat to, complete with sleeping nest and toilet. Egon was now moving completely freely about my apartment. The two of us, owner and pet, made quite the harmonious, happy team, I thought. Nothing about it felt unusual. I could never have guessed how wrong I was.

Because soon, the night that changed everything came. I was just about to fall asleep, entering this hypnotically pleasant stage when you haven‘t yet arrived at asleep but are far from awake all the same. A phase of sleep that paralyses your limbs and sends your thoughts reeling and traveling along convoluted paths. That was the beautiful state I was in, when suddenly I heard a noise. Knocking or scratching at my door, it was hard to tell in my trance. It stopped after a while, but soon after, it started up again. Then my door opened, and from my bed I could see Egon crawl along the narrow strip of light that the street lamp cast on my bedroom floor. With determined, rhythmically rowing movements, he pushed himself forward, closer and closer towards my bed. I was much too tired to move him from my room back to his sleeping nest, and anyway, he wasn‘t bothering me. It was just strange, as he hadn‘t ever spent time in my bedroom before or shown any interest in wanting to explore it. He probably wanted to be close to me, was the last thought I had before dozing off again.

When I woke up, I noticed something pressing against my legs. It was Egon, cheerfully crawling across my blanket. He was throwing his scaly little legs forward energetically, his claws repeatedly catching in the folds. »For God‘s sake, Egon,« I muttered into the black room. Head still thick with sleep, I didn‘t think to wonder how he had even made it onto my bed. I heard a soft coughing sound coming from Egon‘s direction and then, »Hello, Gustav.«
I sat up with a start. Automatically, I answered back with a »Hello«.
»Can‘t you sleep, either?« Egon asked.
Egon‘s voice was deep and loud, too loud for his small tortoise body. He sounded like an old wizard. I stared at my tortoise, who suddenly seemed alien to me. My tortoise stared back. We probably were a funny sight.

After a while, I answered him, »No, I don‘t have trouble sleeping though I‘m not so sure now. Why? Are you having a hard time falling asleep?« At that moment, I couldn‘t yet fully comprehend the absurdity of the situation. I was sitting on the bed in my dark bedroom, chatting with my Greek tortoise that I had purchased for a really good price at a flea market a few weeks ago. Egon gave a rattling sigh. »No, I haven‘t slept a wink tonight. Maybe it‘s because of the full moon.« We were silent for a while. »Egon,« I said at some point, »I didn‘t know you could talk.«

»Yes, I can,« he answered in that voice of his that was so deep and loud I was worried it would wake the neighbours. »Tortoises talk. And by the way, my name is Freda, not Egon.«
Now my confusion was complete. Egon was called Freda, had apparently received a name without any help on my part, and belonged to a species that was capable of talking but that, as far as I knew, had never chosen to. Questions piled up inside my head. I asked the stupidest one of them, »So you‘re a girl, Egon? Freda?«
»Yes, I am.«
»Your voice,« I said, »it sounds so masculine.«

»How would you know whether a tortoise‘s voice sounds masculine or feminine? Have you suddenly become an expert on tortoises? Just two weeks ago, I saw you lying on the living room floor in your underpants, looking at tortoise shit on your iPad.«
At that moment I was glad the black night air filling my bedroom managed to conceal my reddening cheeks. I was embarrassed in front of my tortoise. Which made me feel even more embarrassed.
»Well, is a male lion‘s roar deeper than a female‘s?«
»I don‘t know?«

»No, it isn‘t. Does a stallion‘s neighing sound deeper than a mare‘s?«
»Maybe a little?«
»You don‘t know what you‘re talking about.«

»Maybe you‘re right. But maybe you‘ll also understand that I‘m a little confused right now. Have you always been able to talk?«
»Yes, I have. I didn‘t just learn it from you. Don‘t take yourself so seriously.«
»No, I don‘t. Really,« I tried to placate my tortoise, who appeared to be getting upset. »It‘s just, you never said anything before now, so…«
»I simply had nothing to say.«
»Okay.«
»Okay.«
»Okay.«
»Okay, I‘ll be on my way, then.«

After that night, Egon – I couldn‘t bring myself to call him »Freda« – didn‘t say anything for a long time. Soon I had forgotten that he had even spoken to me that night. Still, a strange distance grew between me and my tortoise. I didn‘t really trust him anymore.
I remember a moment when I was sitting on my couch in the living room.

Outside, autumn was already in full swing. On my way home from work, I had devoured a kebab at Yasin‘s, my favourite kebab shop, and the extra onions were giving me indigestion. Pressure was starting to build up behind my waistband. I was about to let off a possibly really loud, really long fart. But then I saw Egon crawling across the carpet, looking up at me. I went to the bathroom and relieved myself there.
A few days after this incident, I suddenly found Egon sitting on my bed again. I startled awake from deep sleep and saw my tortoise sitting on my pillow right in front of me.
»Egon?« I asked.
»I already told you, my name is Freda.«
»Freda. What are you doing here again?«
»I wanted to ask you something.«
»And what?«
»Did you turn off the stove?«
»Excuse me?« I asked, half-confused, half-angry.

»I wanted to know if the stove is off. It might still be running, you know.«
»Yes, it‘s off.« I was flabbergasted.
»Are you sure? Because I thought I watched you take the noodles off the stove without turning it off and then go to the living room. I might be wrong though.«
»Yes, you‘re wrong. Now please, let me go back to sleep.«
»All right. If you say so, I guess you‘re right. I‘m just asking. Surely you remember that one time at the vacation house in Spain.«
I startled upright again. »Wait a minute! How do you know about the incident at the vacation house in Spain?«

»I know a lot of things, Gustav.« For a few moments, my tortoise regarded me with a keen gaze. Then he started moving his sharp lips again, a pink tongue peeking out from behind them. »I also know what happened after that vacation in Spain.«
What on earth was going on? How did Egon know about all that? After that time in the vacation house in Spain, where the little kitchen‘s stove exhaust fan had caught fire and I had been the one to blame, unpleasant things had happened. I had no clue why Egon had brought up this incident now, in the middle of the night. I tried to avoid Egon‘s needling by ignoring it skilfully, didn‘t say much and waited for Egon to leave my room, which he did at some point.
„You‘re getting old,« I heard Freda say one night from across the other end of my bed. I had gotten used to the name »Freda« by now. Again, I had been about to fall asleep when I heard her voice. I rolled my eyes behind closed eyelids.

»Yes, Freda, thanks, I know. That‘s kind of what humans do, and animals, too, by the way. As far as I know, nobody gets younger.«
»Yeah, yeah, I know that you know. I‘m just saying.«
»Just saying what exactly?« I asked rhetorically, annoyed. »Please enlighten me.«
»Well,« Freda began, »I‘m saying you‘re 37 now.«
»And?«
»Do you really think it‘s wise to focus on your career in painting right now? I get that you didn‘t enjoy your work at the agency any more, I really do, don‘t get me wrong. But still, it was a secure source of income, and simply giving up something like this was a bit, well, I don‘t want to offend you, but it was a bit stupid.«
I didn‘t move, kept my eyes closed and clenched my fists into the fabric of my blanket, trying to ignore my tortoise.
»You have a young daughter to feed, after all. Even if you don‘t see her that often. Because she‘s staying with her mother.« My tortoise‘s loud, deep voice took on a slightly accusatory tone.
»Please leave my daughter out of this. She‘s so none of your business. Just like my career choices are none of your business. Okay. I wasn‘t happy at the agency anymore, and that‘s an important factor to consider. I‘d rather be in debt and a happy father to my daughter than an unhappy one with loads of money in my account. Money isn‘t everything, my dear Freda. Most of all, money doesn‘t equal happiness.«

»With all due respect, Gustav, I don‘t think you‘re unintelligent, and this money-cannot-buy-happiness-thing is cute and commendable and all, but you should be too old for this teenager-hippie-idealism. It‘s not just about you anymore, it‘s about your daughter. How will you ever be able to pay for her university? What if she wanted to study abroad? Or get her driver‘s licence? For all I care, you could live so modestly Diogenes would envy you, but you have responsibilities.«

»There‘s still her mother, it‘s not like that.« I tried to steer the discussion in another direction.
»Yeah, yeah, yeah,« Freda said mockingly, »don‘t go shifting the responsibility onto your ex now. It‘s always someone else‘s fault, isn‘t it? That‘s what you‘re good at, Gustav, aren‘t you? It‘s cowardly and really awful. What happens, for example, if something happens to your ex? If she gets ill? Something could happen any day. Are you prepared for these eventualities?«
»Freda, that‘s really far-fetched now. Please just shut up and let me sleep.«

From that moment on, that‘s how it went almost every night. At some point during the night, Freda would shove herself into my room, mostly at a time when I was just about to fall asleep, and then somehow sit on my bed.

Every time she found a different important topic that she wanted to talk about with me. One time she reminded me that my bank balance was negative right now. Another time, she warned me about my current romance, and another, she brought up the odd rash I‘d had on my forearm for a few weeks.
At some point later, she began to talk about my parents, my brother, my cousin, my weird great-aunt. Freda never ran out of new ideas about how these people could bring disaster into my life. She would talk at me incessantly until I almost lost my mind, and then she would leave again.

At the start, I didn‘t mind so much, because she would come to me at irregular intervals. After a while, however, her night-time visits started to occur more often. Until at some point, it became every night, and the missing hours of sleep began to impact my everyday life. They left me unable to concentrate and constantly drowsy. It wasn‘t pretty. The circles under my eyes grew bigger and darker, my stomach thicker, my hair sparser.
I trudged through my days in a blur, feeling completely out of it. It was a strange time.

One day, while I was crossing a busy street in my city, I saw him again. The man with the excessively puffy moustache, who had tricked me into buying Freda for a bargain price. We looked at each other amidst the hustle and bustle of busy street crossers. We exchanged a short glance, one that said more than most glances, like one between two people who accidentally wind up sitting across from each other on the tramway after a visit to the brothel or an Alcoholics Anonymous meeting – ashamed, knowing, connected. Quickly, we averted our eyes from each other and went our ways.
At some point, I was so exhausted I made a decision. I grabbed Freda, put her in the shoebox, and marched towards the flea market where I had got her back then.

In front of me stood a young student with dark hair that she wore in a thick braid. »It‘s about 16 years old now,« I heard myself say, »With good care, it can live to a hundred.« The student nodded with interest. A bargain offer and a handshake later, I watched the student and her blue shoebox disappear among the crowd. My guilty conscience haunted me for long time.

Biographical to Johanna Sebauer [AT] »

Born in 1988 in Vienna and raised in Burgenland, Austria. She first studied Political Science at the University of Vienna and then pursued a Masters in Journalism, Media and Globalization in Aarhus (DK), Santiago de Chile and Hamburg. A few years ago she stared writing fiction. In 2014 her short story »Edina« was awarded the Burgenland Literature Prize, in 2016 her radio play »Wie Erna Rohdiebl aus Pamhagen ihr Herz an die Nordsee verlor« made the short list of the radio play competition »Textfunken« of Austria’s public broadcaster ORF. Currently she lives as a freelance author and editor in Hamburg.
www.johannasebauer.com

back to Teilnehmer/innen 2017 »

Johanna Sebauer [AT]

Zum Symposium 2017
entstandenes Werk von Johanna Sebauer [AT] » (EN) here
»

Die Schildkröte

Ich bekam sie damals im Sonderangebot. »Sie ist in sehr guter physischer Verfassung«, sagte der Verkäufer noch und streichelte dabei stolz seinen übertrieben bauschigen Schnurrbart. »Wirklich kerngesund. Für dich mache ich einen Spezialpreis. Weil du ein sympathischer Typ bist«. Damals wusste ich es noch nicht besser und glaubte ihm.

Also zahlte ich und war sehr zufrieden mit meinem Kauf. Ein wirklich guter Preis für eine, wie ich damals fand, ausgesprochen hübsche griechische Landschildkröte. »15 Jahre ist sie alt«, hatte mir der Verkäufer gesagt. »Bei guter Haltung kann die hundert werden.«
Mit meiner Schildkröte in einem Schuhkarton machte ich mich auf den Weg nach Hause. Der Sommer war ein furchtbar heißer und schwüler. Ich dachte daran, das weiß ich noch genau, dass es der Schildkröte wohl gut gehen musste in dieser Hitze. »Wie zuhause«, hatte ich ihr zugeflüstert, als wir mit dem Bus heimwärts fuhren. Ich auf einem Plastiksitz, an dem meine schwitzenden Oberschenkel feuchte Spuren hinterließen und die Schildkröte im Schuhkarton auf meinem Schoß. Sie bewegte sich kaum. Ab und zu hob ich den Deckel, in den ich mit einem Kugelschreiber kleine Luftlöcher gestochen hatte, aber sie hatte sich in ihrem Panzer verkrochen und lag still in einer Ecke.

Nach ein paar Tagen, in denen wir uns in angenehmer Ruhe und in der brütenden Hitze meiner kleinen Stadtwohnung miteinander vertraut gemacht hatten, gab ich der Schildkröte den Namen Egon. Ich fand, der passte gut.

Egon wirkte, als würde er sich sehr wohl fühlen. Er fraß reichlich. Am liebsten Blattsalat, Gurken, Tomaten und Erdbeeren, die er manchmal in einer derartigen Gier verschlang, dass ihm roter Erdbeersaft aus seinen schmalen, harten Nasenlöchern tropfte. In regelmäßigen Abständen verrichtete er sein Geschäft, das so aussah, wie es aussehen musste. Diesbezüglich hatte ich sicherheitshalber eine eigene Google-Recherche gestartet und mich durch Unmengen an Bildern von Schildkrötenkacke geklickt, bis ich befand, dass mit meiner Schildkröte und ihrer Kacke alles stimmte.
Egon lebte zunächst in einem Meerschweinchenkäfig, den ich noch von meinem vor vielen Jahren verstorbenen Meerschweinchen Konstantin in meinem Kellerabteil stehen hatte. Doch bald tat er mir ein bisschen Leid, denn in dem Meerschweinchenkäfig hatte er wirklich nicht viel Platz. Also entschied ich, Egon einfach frei in der Wohnung herumlaufen zu lassen. Der orangene Plastikboden des Meerschweinchenkäfigs, aus dem ich einen Teil als Einstiegshilfe für Egon herausgeschnitten hatte, diente als Rückzugsort, mit Schlafhäuschen und Toilette. Egon konnte sich nun völlig frei in meiner Wohnung bewegen. Wir waren ein äußerst ausgeglichenes, zufriedenes Gespann an Haustierhalter und Haustier, fand ich. Nichts daran empfand ich als ungewöhnlich. Doch damals hatte ich nicht ahnen können, wie sehr ich mich irrte.

Denn bald kam die Nacht, die vieles änderte. Ich war gerade am Einschlafen gewesen, in dieser hypnotisch-schönen Phase, in der man noch nicht im Schlaf angekommen, aber vom Wachsein dennoch weit entfernt ist. Eine Phase, die einem die Glieder lähmt und die Gedanken in wirren Windungen auf Reisen schickt. Ich befand mich also in diesem wunderbaren Zustand, als ich das Geräusch wahrnahm. Ein Klopfen oder Kratzen – aus meinem Trancezustand konnte ich das nicht so exakt bestimmen – an meiner Tür. Nach einer Weile hörte es auf, fing aber kurze Zeit später wieder an. Dann ging plötzlich die Tür auf und ich konnte von meinem Bett aus erkennen, wie in dem schmalen Lichtschein, den die Straßenlaterne auf meinen Schlafzimmerboden warf, Egon krabbelte. In zielstrebigen, rhythmisch rudernden Bewegungen schob er sich vorwärts, immer näher an mein Bett heran. Ich war viel zu müde, um ihn wieder aus meinem Zimmer in sein Schlafhäuschen zu befördern, außerdem störte er ja nicht. Es war lediglich seltsam, hatte er sich doch zuvor noch nie in meinem Schlafzimmer aufgehalten oder Interesse gezeigt, es erkunden zu wollen. Er sucht wahrscheinlich meine Nähe, dachte ich in diesem Moment noch und döste wieder weg. Als ich wieder erwachte, bemerkte ich, wie sich etwas gegen meine Beine presste. Es war Egon, der munter über meine Bettdecke krabbelte. Mit energischen Bewegungen warf er seine schuppigen Beinchen nach vorne, blieb mit seinen Krallen immer wieder einmal in den Falten hängen. »Herrgott, Egon«, murmelte ich in das schwarze Zimmer hinein. Die Frage, wie er überhaupt auf mein Bett gekommen war, stellte ich mir in meinem schlaftrunkenen Zustand nicht. Ich hörte ein leises Husten aus Egons Richtung und dann »Hallo Gustav«.
Sofort saß ich senkrecht. Reflexartig
antwortete ich ebenfalls mit »Hallo«.
»Kannst du auch nicht schlafen?«, fragte Egon.

Egons Stimme war tief und laut, zu laut für seinen kleinen Schildkrötenkörper. Wie ein alter Zauberer klang er. Ich starrte meine Schildkröte an, die mir plötzlich sehr fremd war. Meine Schildkröte starrte zurück. Wir beide gaben wohl ein lustiges Bild ab.

Irgendwann antwortete ich ihm: »Doch, ich kann schon schlafen, aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Wieso? Kannst du etwa nicht schlafen?«. Die Absurdität der Situation konnte ich in diesem Moment noch nicht in ihrer Gänze erkennen. Ich saß auf dem Bett in meinem dunklen Schlafzimmer und unterhielt mich mit meiner griechischen Landschildkröte, die ich vor einigen Wochen auf einem Flohmarkt zu einem wirklich guten Preis erstanden hatte. Egon seufzte rasselnd. »Nein, ich kriege heute Nacht kein Auge zu. Mag sein, dass es am Vollmond liegt.« Wir schwiegen uns eine Weile an. »Egon«, sagte ich irgendwann, »ich wusste nicht, dass du sprechen kannst.«

»Ja, das kann ich«, antwortete er mit seiner tiefen, lauten Stimme, dass ich mir Sorgen machte, unsere Nachbarn würden davon wach werden. »Schildkröten sprechen. Und übrigens, ich heiße Freda, nicht Egon.«

Die Verwirrung war komplett. Egon hieß Freda, hatte also ohne mein Zutun einen Namen erhalten und war außerdem Teil einer Gattung, die des Sprechens mächtig war, es aber, zumindest nach meiner Kenntnis, nie tat. Die Fragen häuften sich in meinem Kopf. Ich stellte die dümmste von ihnen: »Du bist also eine Frau, Egon? Freda?«
»Ja, das bin ich.«
»Deine Stimme«, sagte ich »Sie klingt so männlich.«

»Woher willst du wissen, ob eine Schildkrötenstimme männlich oder weiblich klingt? Bist du plötzlich Schildkrötenexperte geworden? Vor zwei Wochen habe ich noch gesehen, wie du in deiner Unterhose auf dem Wohnzimmerboden lagst und auf deinem iPad Schildkrötenscheiße begutachtet hast.«

Ich war in dem Moment froh, dass die schwarze Luft im nächtlichen Schlafzimmer meine rot anlaufenden Wangen kaschierten. Ich schämte mich vor meiner Schildkröte. Eine Tatsache, für die ich mich noch mehr schämte.
»Brüllt ein männlicher Löwe etwa tiefer als ein weiblicher?«
»Ich weiß es nicht?«
»Nein, tut er nicht. Wiehert ein Hengst etwa tiefer als eine Stute?«
»Ein bisschen vielleicht?«
»Du hast keine Ahnung.«

»Vielleicht hast du damit Recht. Aber du wirst vielleicht auch verstehen, dass ich gerade etwas verwirrt bin. Konntest du immer schon sprechen?«
»Ja, das konnte ich. Ich habe es nicht erst bei dir gelernt. Nimm dich nicht so wichtig.«
»Nein, das tue ich nicht. Wirklich nicht.«, versuchte ich meine Schildkröte zu
beschwichtigen, die sich gerade
aufzuregen schien. »Du hast vorher
einfach noch nie etwas gesagt, deshalb…«
»Ich hatte eben nichts zu sagen.«
»Okay.«
»Okay.«
»Okay.«
»Okay, dann geh ich mal wieder.«

Nach dieser Nacht sagte Egon – ich brachte es nicht fertig, ihn »Freda« zu nennen – lange nichts mehr. Bald hatte ich auch vergessen, dass er in jener Nacht überhaupt zu mir gesprochen hatte. Dennoch tat sich zwischen mir und meiner Schildkröte eine seltsame Distanz auf. Ich traute ihr nicht mehr richtig.
Ich erinnere mich an einen Moment, in dem ich eines Abends auf meiner Couch im Wohnzimmer saß.
Draußen wütete bereits der Herbst. Ich hatte mir zuvor auf dem Heimweg von der Arbeit einen Kebab bei meinem Lieblingskebabmann Yasin einverleibt und die extra Zwiebeln machten gerade meiner Verdauung zu schaffen. Druck baute sich unter meinem Hosenbund auf. Ich setzte an, um einen möglicherweise richtig Lauten, richtig Langen fahren zu lassen. Doch dann sah ich Egon, wie er über den Teppich krabbelte und zu mir hoch sah. Ich ging ins Bad und erleichterte mich dort.
Ein paar Tage nach diesem Vorfall saß Egon plötzlich wieder in meinem Bett. Ich erwachte ganz plötzlich aus einem tiefen Schlaf und sah meine Schildkröte, wie sie direkt vor mir auf dem Kopfkissen saß.

»Egon?«, fragte ich.
»Ich hab dir doch gesagt, dass ich Freda heiße.«
»Freda. Was machst du schon wieder hier?«
»Ich wollte dich etwas fragen.«
»Was denn?«
»Hast du den Herd ausgemacht?«
»Wie bitte?«, fragte ich, halb verwirrt, halb erbost.

»Ob der Herd aus ist, wollte ich wissen. Der läuft ja vielleicht noch.«
»Ja, den habe ich ausgemacht.« Ich verstand die Welt nicht mehr.
»Bist du sicher? Ich dachte nämlich beobachtet zu haben, dass du die Nudeln vom Herd genommen hast, ohne ihn auszumachen und dann ins Wohnzimmer gegangen bist. Aber vielleicht irre ich mich.«
»Ja, du irrst dich. Jetzt lass mich bitte weiterschlafen.«
»Alles klar. Wenn du das so sagst, dann wird es schon stimmen. Aber ich frag ja nur. Du erinnerst dich sicher noch an das eine Mal im Ferienhaus in Spanien, oder?«

Wieder saß ich aufrecht im Bett. »Moment mal! Woher weißt du von dem Vorfall im Ferienhaus in Spanien?«.

»Ich weiß viele Dinge, Gustav.« Meine Schildkröte sah mich einige Augenblicke lang eindringlich an. Dann bewegte sie wieder ihre scharfen Lippen, hinter denen eine rosarote Zunge zum Vorschein kam. »Ich weiß auch, was nach diesem Urlaub im Ferienhaus in Spanien passiert ist.«

Was zur Hölle war da los? Woher wusste Egon all das? Nach dem Urlaub im Ferienhaus in Spanien, in dem ich dafür verantwortlich war, dass in der kleinen Ferienhausküche der Dunstabzug zu brennen begann, waren keine schönen Dinge passiert. Es war mir ein Rätsel, wieso Egon jetzt, mitten in der Nacht, auf diese Zeit zu sprechen kam. Ich versuchte, dieser kleinen Stichelei durch gekonntes Ignorieren aus dem Weg zu gehen, sagte nicht viel und wartete darauf, dass Egon mein Zimmer wieder verließ, was er irgendwann auch tat.

»Alt wirst du schön langsam«, hörte ich Freda eines Nachts vom anderen Ende meines Bettes sagen. An den Namen »Freda« hatte ich mich mittlerweile gewöhnt. Ich war wieder kurz vorm Einschlafen gewesen, als ich ihre Stimme vernahm. Ich verdrehte die Augen hinter geschlossenen Liedern.

»Ja, Freda, danke, das weiß ich. Das haben Menschen, und im Übrigen auch Tiere, so an sich. Jünger wird, soweit ich weiß, niemand.«

»Ja, ja, ich weiß schon, dass du das weißt. Ich meine ja nur.«
»Was meinst du schon wieder?«, fragte ich genervt rhetorisch. »Bitte erhelle mich.«
»Nun ja«, begann Freda. »Ich meine eben, dass du nun schon 37 bist.«
»Und weiter?«
»Ob das so gut ist, dich jetzt auf deine Malereikarriere
zu konzentrieren, Gustav? Ich verstehe schon, dass dir die Arbeit bei der Agentur nicht mehr gefallen hat, das verstehe ich sehr gut, verstehe mich nicht falsch. Aber dennoch, es war eben schon eine sichere Einnahmequelle und etwas so einfach aufzugeben, das war schon ein bisschen, na ja, ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber das war schon ein bisschen dumm.«

Ich blieb mit geschlossenen Augen liegen,
ballte meine Fäuste in meine Bettdecke und
versuchte, meine Schildkröte zu ignorieren.

»Du hast ja immerhin eine kleine Tochter zu ernähren. Auch wenn du sie nicht so oft siehst. Weil die ist ja bei der Mutter.« Der Ton in der lauten, tiefen Stimme meiner Schildkröte wurde leicht vorwurfsvoll.
»Bitte, lass meine Tochter jetzt aus dem Spiel. Die geht dich nämlich gar nichts an. Genauswenig wie dich meine Karrierewahl etwas angeht. Okay. Ich war nicht mehr glücklich in der Agentur und das ist auch ein wichtiger Faktor, den man berücksichtigen muss. Ich bin meiner Tochter lieber ein glücklicher Vater mit Schulden, als ein unglücklicher mit einem Batzen Kohle auf dem Konto. Geld ist nicht alles, meine liebe Freda. Vor allem ist Geld nicht Glück.«
»Gustav, mit Verlaub, ich halte dich ja nicht für unintelligent, aber die Geld-kann-kein-Glück-kaufen-Geschichte ist zwar sehr süß und löblich. Aber diesen Teenager-Hippie-Idealismus, dafür solltest du eigentlich schon zu alt sein. Es geht jetzt nicht mehr um dich, sondern um deine Tochter. Wie willst du denn in der Lage sein, jemals für ihr Studium zu zahlen. Was, wenn sie mal im Ausland studieren will? Oder den Führerschein machen? Du kannst ja von mir aus so bescheiden leben, dass Diogenes neidisch wäre, aber du hast Verantwortung.«

»Es gibt ja immer noch die Mutter, so ist es ja nicht«,
versuchte ich die Sache in eine andere Richtung
zu steuern.

»Ja, ja, ja«, äffte Freda. »Jetzt wälze mal nicht die Verantwortung auf deine Ex ab. Immer sind die anderen schuld, nicht wahr? Das kannst du gut, Gustav, nicht wahr? Das ist feige und richtig scheußlich. Was ist denn zum Beispiel, wenn der Ex etwas zustößt? Wenn sie krank wird? Es kann jeden Tag etwas passieren. Bist du auf diese Eventualitäten vorbereitet?

»Freda, das ist nun wirklich sehr weit hergeholt. Halte bitte einfach deine Klappe und lass mich jetzt schlafen.«

So ging das ab diesem Zeitpunkt fast jede Nacht. Freda schob sich irgendwann in mein Zimmer, meist zu dem Zeitpunkt, an dem ich kurz, wirklich ganz kurz vor dem Einschlafen war, und saß dann plötzlich irgendwie in meinem Bett.

Jedes Mal fand sie ein anderes wichtiges Thema, über das sie mit mir reden wollte. Mal erinnerte sie mich daran, dass mein Kontostand gerade im Minus war. Mal warnte sie mich vor meiner aktuellen Romanze, mal sprach sie meinen seltsamen Ausschlag, den ich seit einigen Wochen auf dem Unterarm hatte, an.

Dann irgendwann begann sie über meine Eltern zu sprechen, über meinen Bruder, meine Cousine, meinen Cousin, meine seltsame Großtante. Freda fiel immer aufs Neue ein, wie diese Menschen gerade Unheil in mein Leben bringen könnten. Sie redete dann so lange auf mich ein, bis ich fast den Verstand verlor, und machte sich dann wieder davon.

Anfangs machte es mir nicht so viel aus. Da sie in unregelmäßigen Abständen kam. Doch nach einer Weile häuften sich ihre nächtlichen Besuche. Irgendwann kam sie jede Nacht und ich bekam die fehlenden Schlafstunden bald im Alltag zu spüren. Sie ließen mich unkonzentriert werden und ständig schläfrig. Es war keine schöne Zeit. Meine Augenringe wurden größer und dunkler. Mein Bauch dicker. Und meine Haare lichter.

Ich schleppte mich nur mehr durch die Tage, trug mich selbst neben mir her. Es war eine seltsame Zeit.

Beim Überqueren einer vielbefahrenen Straße meiner Stadt sah ich ihn eines Tages wieder. Ihn, den Verkäufer mit dem übertriebenen bauschigen Schnurrbart, der mir damals Freda zu einem Sonderpreis untergejubelt hatte. Wir erspähten einander in der Menge der geschäftig hin und her wuselnden Straßenüberquerer. Es war ein kurzer Blick, einer, der mehr sagte als die meisten Blicke, wie einer zwischen zwei Menschen, die sich nach einem Bordellbesuch oder einem Treffen der Anonymen Alkoholiker zufällig in der Straßenbahn gegenübersitzen – beschämt, wissend, verbunden. Schnell wandten wir unsere Blicke voneinander ab und gingen unserer Wege.

Irgendwann war ich so am Ende mit mir, dass ich eine Entscheidung traf. Ich packte Freda in den Schuhkarton und marschierte auf den Flohmarkt, auf dem ich sie damals erstanden hatte.
Vor mir stand eine junge Studentin mit dunklen Haaren, die sie in einen dicken Zopf geflochten hatte. »Sie ist jetzt rund 16 Jahre alt«, hörte ich mich sagen. »Bei guter Haltung wird die hundert.« Die Studentin nickte interessiert. Einen Sonderpreis und einen Handschlag später sah ich die Studentin mit einem blauen Schuhkarton unterm Arm in der Menge verschwinden. Mein schlechtes Gewissen verfolgte mich noch lange.

Biographisches zu Johanna Sebauer [AT] »

1988 in Wien geboren, aufgewachsen im wunderbaren Burgenland. Zunächst Studium der Politikwissenschaft an der Universität Wien. Danach Masterstudium in Journalism, Media and Globalization in Aarhus (DK), Santiago de Chile und Hamburg. Mit dem Schreiben begann sie vor einigen Jahren. 2014 wurde ihre Kurzgeschichte »Edina« mit dem Burgenländischen Literaturpreis ausgezeichnet. 2016 landete ihr Text »Wie Erna Rohdiebl aus Pamhagen ihr Herz an die Nordsee verlor« auf der Shortlist des ORF-Hörspielwettbe-werbes »Textfunken«. Derzeit lebt Johanna Sebauer als freie Autorin und Texterin im bunten Trubel von St. Pauli in Hamburg.
www.johannasebauer.com

zurück zu Teilnehmer/innen 2017 »

Siegmund Kleinl [AT]

Text von Siegmund Kleinl
für »cahier d‘art« 2016 »

Flucht aus der Ferne

Im August 2015, es war der 27. Tag des Monats, wurde an der Ostautobahn bei Parndorf im Burgenland (Österreich) ein U-Boot gesichtet, das auf Asphalt gelaufen war.

Da stand es, auf sechs LKW-Räder gebockt, ohne Steuermänner, verlassen, ohne Rettung.

Siegmund Kleinl [AT] weiterlesen

Hamed Abboud [SY]

Textbeitrag von Hamed Abboud
für »cahier d‘art« 2016 »

Übersetzung aus dem Arabischen: Larissa Bender (AT)

Was wurde
aus den
Zugvögeln?


Ich bin kein Flüchtling im Burgenland. Und selbst wenn ich es wäre – denn so steht es auf dem provisorischen grünen Blatt Papier, das ich gleich nach meiner Ankunft hier erhalten habe –, fühle ich mich nicht als ein solcher, denn ich kenne den Landeshauptmann. Er hielt mit seinem Auto und nahm mich mit, als ich auf dem Weg zum Zigarettenladen war. Dass er der Landeshauptmann war, sagte er mir damals nicht, das erfuhr ich erst später. Ich kenne die Männer der Müllabfuhr hier, die Nachbarn und ihren Kater Bruno, und ich kenne die Dorfdeppin, die sich an meinen Anblick gewöhnt hat und meinen Gruß erwidert. Was wird aus der armen Frau werden, wenn ich fort bin? Ich kenne die Betrunkenen, die mir auf dem Markt raten, normale Eier statt Bioeier zu kaufen, weil sie zu teuer seien, und sich dann in aller Ruhe wieder zurückziehen, um sich ein neues Bier zu kaufen.
Hamed Abboud [SY] weiterlesen