Archiv der Kategorie: Symposium 2018

Peter Menasse [AT]

Zum Symposium 2018
entstandenes Werk
von Peter Menasse »
»Über Respektspersonen«

Eins
Das Leben meiner Großmutter Ella war geprägt von Fluchten. Die ersten acht Jahre lebte sie in Berditschew, einer Stadt in Russland, bis dann 1905 eine Welle von Pogromen über die Juden hereinbrach. Mit Hilfe eines ruthenischen Bauern – heute würde man ihn als Schlepper bezeichnen – konnte sie gemeinsam mit Mutter und Schwester ins damalige Österreich fliehen. Der Bauer, so erzählte sie, habe sie sich über die Schulter gelegt und durch den Grenzfluss getragen. In Tarnopol, im äußersten Osten der österreichischen Monarchie, absolvierte sie später eine Lehre als Schneiderin und nähte bald schon für alle Nachbarn, um ihren Unterricht selbst bezahlen zu können.

Als Ella siebzehn Jahre alt war, begann der Erste Weltkrieg. Im August 1914 passierten Einheiten der russischen Armee die galizische Grenze und besetzten Tarnopol. Wer konnte, brachte die jungen Frauen der Familie in Sicherheit. Ella wurde von Nachbarn, die selbst drei Töchter hatten, in einem Leiterwagen mitgenommen. Sie flohen nach Westgalizien, von dort mit der Bahn über Ungarn nach Wien.

Ella fand schnell Arbeit, zuerst als Haushälterin, dann als Schneiderin. In Wien heiratete sie und bekam drei Kinder. Der Betrieb, in dem ihr Mann Jakob arbeitete, ging 1930 im Zuge der Wirtschaftskrise bankrott. Man überließ dem Mitarbeiter als Abschlag für die Abfertigung ein kleines Souterrain-Lokal gleich neben dem Franz Josefs-Bahnhof. Hier begann meine Großmutter als selbstständige Schneiderin. Weil man dafür keinen Gewerbeschein brauchte, nähte sie vorerst nur Schlafröcke und Blusen. Später absolvierte sie alle notwendigen Prüfungen. Zwei Jahrzehnte nach ihrer zweiten Flucht beschäftigte sie zwanzig Mitarbeiterinnen. Im Jahr 1938 war Ella eine der ersten, die verstand, was es geschlagen hatte. Bis auf eine Nähmaschine ließ sie alles zurück und floh mit ihren Kindern nach England.

Dort begann Ella erneut als Haushälterin bei einer wohlhabenden Familie, etablierte sich aber bald wieder mit ihrem goldenen Handwerk. Sie konnte schließlich mehreren jüdischen Familien Jobs in England verschaffen und ihnen so die rettende Flucht aus Österreich ermöglichen. Über Jahrzehnte betrieb sie einen kleinen Schneidersalon, in dem andere jüdische Emigranten, aber auch Spanier, die vor der Franco-Diktatur geflüchtet waren, Arbeit fanden.
Meine Großmutter wurde 92 Jahre alt, in ihrem Fluchtland respektiert und geliebt.

Zwei
Der Kanzler besänftigt die Ängstlichen mit engelsgleichen Worten. Er versichert, dass alle Fluchtrouten geschlossen werden, dass alle potentiellen Eindringlinge schon weit entfernt von Europa abgewiesen werden, dass niemand die heimische Harmonie stören wird können. Das Fremde hat keine Chance.
Der Kanzler spricht nicht über Menschenrechte, nicht über das unendliche Leid, das in den Kriegsgebieten die Schwächsten trifft. Wer nicht in den engen Grenzen des Landes geboren wurde, darf keinen Respekt erwarten. Der Kanzler und seine Vorfahren mussten vermutlich niemals flüchten.

Der mit dem Kanzler in großer Harmonie regierende Partner sagt das Gleiche, will aber nicht so schön sprechen, wie es der Kanzler tut. Die Protagonisten dieser Partei verteufeln Asylsuchende und unterstellen ihnen, sie würden nur kommen wollen, um den Einheimischen alles zu nehmen.

Auf den Fußballplätzen und im Wirtshaus werden die Signale verstanden. »Scheißkanaken« schreit sagt man jetzt, »Türkenschweine« und Ähnliches. Wird es dabeibleiben, dass bloß geschrien wird?

Drei
Meine Mutter ist 94 Jahre alt. Ihre Jugend hatte sie in England verbracht, wohin sie mit ihrer Mutter, Ella der Schneiderin, flüchten hatte können. Dort ging sie zur Schule und arbeitete anschließend in einer Munitionsfabrik, um beizutragen, die Nationalsozialisten zu besiegen. Sie lernte meinen Vater kennen, der auch nach England geflüchtet war und heiratete. Nach der Rückkehr scheiterte die Ehe bald und es begannen existentielle Sorgen, hatte sie doch wegen des Kriegs keinen Beruf erlernen können. Sie bekam dank ihrer Englisch-Kenntnisse einen Job als Sekretärin in einem amerikanischen Unternehmen, versorgte ihren kleinen Sohn und ging mehrmals in der Woche abends in eine Handelsschule. Geld war kaum da, und doch schaffte sie es, mich die Armut nicht spüren zu lassen. Im siebten Bezirk, unweit des zerbombten Spittelberg-Areals lebten Menschen unter noch schlechteren Bedingungen als wir. Meine Mutter lud die ärmeren unter meinen Schulkollegen oft zum Essen ein.
Als sie feststellte, dass die Hausmeister-Wohnung im Souterrain kein Warmwasser hatte, ging sie im Haus von Tür zu Tür, um die Leute zu überzeugen, dass man zusammenlegen müsse, um auch für die Hausmeister menschenwürdige Zustände herzustellen. Leicht war das nicht, denn sie galt als die »Neue«, die Jüdin, die später zugezogen und in jeder Hinsicht suspekt war.
Meine Mutter half, wo sie konnte. Sie nahm am Wiederaufbau dieses Landes teil, an dessen Zerstörung sie im Gegensatz zu manchen anderen nicht beteiligt war.

Vier
Wer für Menschenrechte argumentiert, gerät sofort in die Defensive gegenüber dem sich rasant verstärkenden Mainstream. Ohne ein vorangestelltes: »Ich bin ja auch nicht für zügellosen Zuzug«, kannst du nicht mehr über Humanität reden. Der Respekt für Andere wird zur Nestbeschmutzung. Gab es in unserer Geschichte nicht schon einmal einen ähnlichen Sog zur gleichgeschalteten Menschen-Verteufelung?

Der bis heute von Vielen geachtete Wiener Bürgermeister Karl Lueger vor dem Reichsrat in Wien 1894: »Der Abgeordnete Popper hat behauptet, der Antisemitismus wird einmal zugrunde gehen. Gewiss, meine Herren, wird er einmal zugrunde gehen, aber erst dann, wenn der letzte Jude zugrunde gegangen sein wird.“

Adolf Hitler über Karl Lueger: »Der Mann und die Bewegung galten in meinen Augen als ‚reaktionär‘. Das gewöhnliche Gerechtigkeitsgefühl aber mußte dieses Urteil in eben dem Maße abändern, in dem ich Gelegenheit erhielt, Mann und Werk kennenzulernen; und langsam wuchs die gerechte Beurteilung zur unverhohlenen Bewunderung. Heute sehe ich in dem Manne mehr noch als früher den gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten.«

Fünf
Wolfgang Ambros, Sänger:
»I red und red,
I versuch zu erklärn,
I bin schon ganz hasrig, mir fallt nix mehr ein.
Wos soll jetzt werdn?«

Biographisches zu Peter Menasse [AT] »

1947 geboren in Wien, Studium der Betriebswirtschaft. Lebt in Trausdorf/Trajštof, Burgenland und in Wien. Arbeitet hauptberuflich als Kommunikationsberater. Bis 2017 Chefredakteur des vier Mal jährlich erschienene jüdische Magazins NU (www.nunu.at), Autor des Buches »Rede an uns« (edition a) und Gastkommentator in zahlreichen österreichischen Medien. Mitwirkung an der Fernsehserie »Dajgezzen« im Wiener TV-Kanal »Okto« (www.okto.tv);
www.petermenasse.at

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Robert Schneider [AT]

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Robert Schneider wurde 1950 in Österreich geboren, Landesfachschule für Keramik in Stoob,
Zahlreiche Arbeiten für Kunst am Bau, Mitbegründer und Geschäftsführer des »Kultur Aktionszentrums CSELLEY
MÜHLE« in Oslip lebt in Schützen am Gebirge, Österreich, und arbeitet auf den künstlerischen Gebieten:
Keramik und Klanginstallationen
www.burgenlandkultur.at

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Elke Mischling [AT]

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1959 in Eisenstadt geboren. Nach ihrer Ausbildung an der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt/Wien, Fach Graphik und Design, die sie mit der Meisterklasse erfolgreich abgeschlossen hatte, arbeitete sie als Werbegraphikerin. Auf der Suche nach Klarheit zog sie sich 1979 für ein Jahr ganz allein in ein kretisches Bergdorf zurück. Ihr Fachwissen reichte sie ab 1981 an der BG/BRG Eisenstadt weiter. Neben dieser hauptberuflichen Tätigkeit, verließ sie nie den konstanten eigenen Weg, künstlerisch zu arbeiten. Seit 2004 arbeitet Elke Mischling als freischaffende bildende Künstlerin. 2015 erhielt sie den Förderpreis für bildende Kunst  Sie lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin in Neufeld/L. im Burgenland.
www.elkemischling.at

Elke Mischling ist seit 2017 ehrenamtlich als Präsidentin der Initiative für zeitgenössische Kunst »eu-art-network« tätig.

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Sepp Laubner [AT]

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1949 geboren in Österreich, Studium an der Akademie der Bildenden Künste Wien, Teilnahme an Kunstmessen, wie Art Expo – New York, Art Frankfurt, Art Basel, Art Bodensee – Dornbirn, Kunstmesse Wien, zahlreiche Preise wie Fügerpreis der Akademie, Preis der Burgenlandstiftung, Ausstellungen in Österreich, Deutschland, Schweiz, Großbritannien und Italien, lebt in Oslip, Österreich, und arbeitet auf den künstlerischen Gebieten: Malerei, Zeichnung und Grafik
www.laubner.at

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Klaus Ludwig Kerstinger [AT]

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1976 geboren in Eisenstadt,
Österreich, Studium an der Akademie der bildenden Künste bei Friedensreich Hundertwasser, Hubert Schmalix, Wien, Mitglied der KGB polychrom, Ausstellungen in Slowakei, Ungarn, Deutschland, Italien, Österreich und Kroatien, lebt in Wien, Österreich, und arbeitet auf künstlerischen Gebieten wie Malerei, Zeichnung und Objekt sowie als Pressesprecher der Schallaburg Kulturbetriebsges.m.b.H.
www.kerstinger.com

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Markus Anton Huber [AT]

Biographisches zu Markus Anton Huber [AT] »

1961 geboren in Königswiesen, Österreich, Studium der Medizin, Ausbildung zum Facharzt für Chirurgie, Gasthörerschaft an der Hochschule für angewandte Kunst Wien, seit 1994 freischaffender Künstler, lebt in Linz, Österreich, und arbeitet auf den künstlerischen Gebieten:  Malerei, Zeichnung und Grafik
www.markushuber.at

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Wolfgang A. Horwath [AT]

Biographisches zu Wolfgang A. Horwath [AT] »

1952 geboren in Zagersdorf, Österreich, seit 1985 als freischaffender Künstler tätig, zahlreiche Preise, tätig als Kurator, sowie Idee, Konzeption und künstlerische Leitung für den Bereich Bildende Kunst für das alljährlich stattfindende Künstlersymposion des eu-art-network, in der Cselley-Mühle, Oslip, Österreich, steht er der Künstlergruppe Burgenland »KGB polycrom« vor, lebt in Buchschachen, Österreich, und arbeitet auf den künstlerischen Gebieten: Malerei, Grafik, Zeichnung, Installation, Bühnenbild

Wolfgang A. Horwath ist seit 2001
Kurator des Kunstsymposium des eu-art-network

www.horwathwolfgang.at 

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Theodora Bauer [AT]

Zum Symposium 2018
entstandenes Werk von Theodora Bauer [AT] »
»Das ungemeine Verschwinden von R.
Versuch einer Geschichte; nein, ein Bericht.«

Seit R. weg ist, weiß ich mir nicht mehr richtig zu helfen. Meine Erinnerungen an sie sind spärlich, dünnen immer mehr aus, obwohl ihr Verschwinden meinem Empfinden nach noch gar nicht so lange zurückliegt. R. war nie eine besondere Schönheit gewesen, und dennoch hatte ihr Wesen etwas Erhabenes. Der hohe Gang, die schmalen Hüften, sie wirkte verletzlich und doch unheimlich stark, sehnig, zäh. Eine Frau wie sie hätte mir unter anderen Umständen nicht gefallen. Aber unter diesen –

Man hatte mich vorgewarnt, und trotzdem war da eine große Überraschung gewesen, als sie verschwand; eine Kränkung irgendwo, die Verletzung und eine Wunde, die ich mir nicht eingestehen wollte. Ihr selbst war auch bei sehr eingehender Betrachtung der Sache kein Vorwurf zu machen. Sie kam und ging, nichts anderes war abgemacht gewesen. Man hatte mich vorgewarnt: Durch nichts war sie zu halten, wenn sie gehen wollte; und wenn sie da war, wollte man sie nicht gehen lassen. Ich wisse nicht, worauf ich mich einließe, hatten sie gesagt, und natürlich hatten sie recht gehabt. So viele hatte schon ein ähnliches Schicksal ereilt wie mich. Doch ich hatte mir gedacht, dieses Mal würde es anders sein, mit mir würde es anders sein, ich würde sie halten können, sie würde bleiben, freiwillig und ohne Zwang; sie müsste doch wissen, was sie mir bedeutete. Und dann war da ihr plötzliches, hallendes Fehlen in meinem Leben, das sich still und leise um sie herum angeordnet hatte, fast, ohne dass ich es gemerkt hatte. So machte sie auf die ihr eigene Art mit meinen kindischen Träumereien Schluss.

R. war an einem Abend verschwunden, erzählte man sich. Ich war an diesem Tag gar nicht im Lande, ein Umstand, der mir nun Sorgen bereitet. Vielleicht hätte ich sie zum Bleiben überreden können. Sie hatten einen Sommerausflug gemacht, waren an den Waldrand gefahren; ein Lagerfeuer am See, sie hatten es sich so schön vorgestellt. Sie waren um das frisch entzündete Feuer gesessen, hatten gesprochen, angeregt; ihre Kleider waren noch feucht gewesen vom Wasser, das in Tropfen an ihren Körpern gehangen war nach dem Schwimmen, und da, plötzlich, war es dem Ersten aufgefallen: R. war weg. Zuerst hatten sie sich nichts daraus gemacht, waren sitzen geblieben, hatten gescherzt; diese Frauen, und immer entzögen sie sich zu den unpassendsten Gelegenheiten – aber R. war nicht wiedergekommen. In der vollständigen Dunkelheit erst, als ihr Fehlen nicht mehr zu leugnen gewesen war, hatten sie sich aufgemacht, um sie zu suchen. Erfolg hatten sie keinen gehabt, doch das ist an dieser Stelle wohl nicht mehr verwunderlich.

R. hatte, trotz ihrer Schweigsamkeit, immer einen heilsamen Einfluss auf ihre Umgebung ausgeübt. Es gibt Menschen, die durch ihre schiere Anwesenheit heilen. Ihr Gesicht mag gar nichts aussagen über diesen Prozess, oder ihre Gesten, sie mögen selbst gar nichts wissen von ihrer Gabe – und dennoch. Ruhe und Wohlgefühl fließen aus ihnen in zahmen Wellen, man spürt sie kaum um die Füße, und netzen tun sie doch. Sie sagen: Das Meer ist nah, Heilung ist greifbar, und einen Moment lang ist die Welt so, wie sie sein sollte. Menschen wie R., mit ihrer Pragmatik, ihrer Ungezwungenheit und diesem gewissen herben Charme, der in jeder ihrer Bewegungen liegt, vermisst man erst, wenn sie weg sind. Aber dann reißt einem ihr Fehlen ein plötzliches Loch ins Herz, die Luft zum Atmen fehlt, das feine Material, aus dem wir gesponnen sind, löst sich auf und wir zerfließen unbestimmt, wie weiches Sonnenlicht, wie schimmernder Zucker im weiten See.

Ich weiß, sie warten noch auf R., aber um sie zu finden tun sie nichts mehr. Sie haben das Suchen schon aufgegeben. Das, glaube ich, würde sie ihnen nachtragen: Dass sie aufgegeben haben. Man gewöhnt sich an ein Leben ohne R., das habe selbst ich feststellen müssen, wo ich doch gedacht hatte, ohne sie geht nichts. Man vergisst alle irgendwann. Man vergisst R., obwohl sie das wahrscheinlich nicht gerne hören würde. Doch alle Bemühungen wären sinnlos, jede Anstrengung wäre umsonst. R. ließ sich noch nie durch Provokationen locken, auch nicht durch Herausforderungen; wenn sie kommen will, kommt sie von selbst. So zumindest erzählen sie es sich, und erleichtern sich damit gegenseitig das Gewissen, nehmen sich damit gegenseitig die Verantwortung von den Schultern, die sie und niemand sonst an ihrem Fehlen tragen.

Ich glaube noch immer daran, dass sie uns mit ihrem Verschwinden etwas sagen wollte. Dass sie mir damit etwas sagen wollte. Sie sagen zwar, ich sollte mich nicht so ernst nehmen, und wer ich schon sei, dass sich so eine wie R. aus mir etwas mache, ausgerechnet aus mir – sie ist schon längst über alle Berge und schmeißt sich nun einem anderen an den Hals – aber ich glaube das nicht. Ich sehe etwas anderes. R. ist eine freie Frau, das ist mir klar; aber wenn sie an diesem verhängnisvollen Abend am Lagerfeuer besser auf sie aufgepasst hätten, wenn sie ihre einfache und doch so wichtige Anwesenheit nicht so selbstverständlich genommen hätten, vielleicht wäre sie geblieben. Vielleicht wäre sie geblieben, wenn sie gewusst hätte, dass man sie braucht.

Ich kenne sie nicht so gut, wie ich meine; ich kann darüber kein abschließendes Urteil bilden. Aber ich glaube, dass ihr Verschwinden einen Zweck hatte. Nicht Trotz, nicht Hader, keine rachsüchtige Lehre, die sie uns erteilen wollte – nein, sie muss sich etwas gedacht haben dabei. Nur was – was? Das ist der Punkt, an dem meine Gedanken stocken, und alles zurückkehrt zu den Anfängen, zu ihrem Weggehen ohne Worte, ohne Warum, ohne Grund. Manchmal, in dunkler Nacht, sehe ich sie in der Tiefe des Sees schwimmen wie einen weißen Schleier, die Augen offen, ihr Blick undurchdringlich und abgeschlossen, dicht wie Metall. Ich sehe sie nackt, und diese Nacktheit scheint mir so klar und deutlich zu sprechen von allem, was diese Welt zusammenhält, wie ich es mit Worten nicht vermöchte – aber ich schweife ab. Ich öffne dann die Augen, selbst, weit, es ist kein Wasser um mich herum, keine Nacht, nur das dunkle Glimmen der Straßenlaternen hinter meinem Fenster, die ihre körnige Saat in die Finsternis streuen. Ich beruhige meinen Atem, versuche, alle Gedanken an sie aus meinem Kopf zu drücken, doch es will mir nicht gelingen. Irgendwer ist immer wach um diese Zeit; jemand, der Gitarre spielt, der Hund des Nachbarn, der hinter der Wohnungstüre verhalten knurrt, ein betrunkenes Gellen auf der Straße vor dem Haus. Nichts hilft, in der Stille immer wieder sie, es tut mir weh, ich tu mir weh mit all den Fragen zwischen meinen Zähnen, die ich ihr nie stellen konnte, weil sie ging.

Einmal fühle ich diesen Schmerz, bedingungslos und ohne Ende; einmal habe ich sie fast vergessen, und bin darüber still beschämt. Keine zwei Momente sind dieselben, seit sie verschwunden ist; kein Tag vergeht, ohne dass ihr Schatten wie eine seltsame Mahnung über meinen Gedanken hängt. Sie sagen, ich solle mich damit abfinden; das ist die neue Welt, das ist mein neues Leben ohne R.; aber das kann und will mir nicht gelingen. Wenn ich glaube, ihr Schatten hat sich verzogen, gleitet sie lautlos und tot durch meinen Traum. Ich kann sie nicht unter die Oberfläche drücken, wie ich sollte; dort schlägt sie bittere Wellen. Was mit ihr zusammenhängt, kann kein Ende haben: R. bleibt verschwunden. Die Fragen bleiben aufgerissen, offen. Und wie um mich Lügen zu strafen, lebt alles ganz einfach vor sich hin.

von Theodora Bauer zum Thema »Respekt«

Biographisches zu Theodora Bauer [AT] »

1990 in Wien geboren, Studium an der Universität Wien, Bakkalaureat in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (2013), Bachelor in Philosophie (2015).  Publikation des Debütromans »Das Fell der Tante Meri« (2014) im Picus Verlag und des Essays »Così fanno i filosofi« (2016) im Limbus Verlag. Das Theaterstück »papier.waren.pospischil« steht seit 2016 bei Schultz & Schirm unter Vertrag. Der zweite Roman »Chikago« (2017) erschien ebenfalls im Picus Verlag. Teilnahme am 20. Klagenfurter Literaturkurs im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Preises mit dem Manuskript von »Chikago« (2016). »papier.waren.pospischil« gewinnt den 1. Preis beim Festival “Die Freiheit des Lachens«, ausgeschrieben vom Salzburger Landestheater (2017).  Aufführung des Theaterstückes »Am Vorabend« nach einem Text von Marie von Ebner-Eschenbach beim Thalhof Festival in Reichenau an der Rax (2018). Theodora Bauer erhält den Anerkennungspreis der Burgenlandstiftung Theodor Kery für »Chikago« (2018) und das DramatikerInnenstipendium des Bundes für ein in Arbeit befindliches Theaterstück (2018). Seit September 2018 moderiert sie abwechselnd mit Alfred Komarek die Literatursendung »literaTOUR«, die im österreichischen Sender ServusTV ausgestrahlt wird.

theodorabauer.at

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Hala Twal [JO]

Biographisches zu Hala Twal [JO] »

Geboren wurde sie 1990 in Amman, Jordanien. Sie ist Bildhauerin und Malerin. Ihren Bachelor of Arts-Studium hat sie an der University of Jordan / der Fakultät für Kunst und Design abgeschlossen. Hala schafft ihre weiblichen figurativen Skulpturen mit verschiedenen Materialien, Ton (Formen und Gips), Holz, Zement und Harz. Sie malt auch mit Acryl und Mischtechnik, inspiriert vom weiblichen Körper selbst und von der Natur.
Hala wurde zu mehreren nationalen Kunstsymposien eingeladen, zu den Zypressengedächtnis-Symposien 1 und 2 an der Universität von Jordanien und zum internationalen Land Art Symposium in Ayla Aqaba, Jordanien; Paar internationale Malerei Symposien; 2017 – IMAGO ANIMA Mal-Symposium, Trnava-Slowakei und 2016 – internationales Mal-Symposium, Belgorod-Russland
Sie nahm an mehreren Gruppenausstellungen, dem Souq fann -Zara-Zentrum, der Artilicious-Eröffnung und der ersten Jubiläumsgruppenausstellung sowie in der Nabad-Galerie teil. Sie arbeitete auch in Projekten mit der Künstlerin Hala Abu Baker: Medaillen, Baum-Wandgemälde, freiwillige Werke mit Oxfam UNICEF und mehr.

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Imre Tolnay [HU]

Biographisches zu Imre Tolnay [HU] »

Geboren 1968 in Győr. 1983 bis 87 besuchte er die Mittelschule für bildende und angewandte Kunst, Fakultät für Grafikdesign, Budapest. 1992 Abschluss an der Akademie der Schönen Künste, Budapest, anschließend bis 1995 Abschluss eines Meisterkurses an der Fakultät für Druckgrafik/ Akademie. Mitglied und gewählte Komitatsvertretung des Verbandes der ungarischen Künstler, des Verbandes der ungarischen Graphikkünstler, des Ateliers des jungen ungarischen Künstlers, des Unterausschusses für Farbtheorie der Ungarischen Wissenschaftlichen Akademie und der Grafikwerkstatt von Győr. 1997 bis 2000 absolvierte er das DLA (Doktorat). Ein Studium an der Fakultät für Malerei an der Universität Pécs / Ungarn. Abschluss im Jahr 2003. Seit 1991 Teilnahme an Ausstellungen und Symposien in Ungarn und im Ausland (Österreich, Kroatien, Tschechische Republik, Ägypten, Finnland, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Mazedonien, Niederlande, Polen, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Süd Korea, Schweiz, Taiwan, USA). Grafiker, Maler, Fotograf, Installationskünstler, Kunstkritiker. Seine Werke sind in öffentlichen und privaten Sammlungen in Ungarn und im Ausland zu finden. Seit einigen Jahren Meisterlehrer an der Győrer Hochschule für Tanz und Kunst, Universitätsprofessor an der Széchenyi-Universität in Győr. www.tolnayimre.hu

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