Archiv der Kategorie: Autoren

Roland Hagenberg [J/AT]

Zum Symposium 2017
entstandene Werke von Roland Hagenberg [J/AT] »

Rieko Kawabe’s Pacific View © Roland Hagenberg
»Rieko Kawabe’s Pacific View« © Roland Hagenberg

Das Haus aus Bambus steht an der pazifischen Küste Japans.
Hier wohnt die Kalligraphie-Meisterin Rieko Kawabe, die es auch entworfen hat.

Gedicht »

Die Blume ist aus Eisen und ich habe sie vor einem Tempel im Gegenlicht fotografiert. Auf der Heimfahrt im Zug vom Küstenort Kamakura zurück nach Tokio entstand dieses Gedicht (ursprünglich auf Englisch):

Lotus in Kamakura, Japan © Roland Hagenberg
»Lotus in Kamakura, Japan« © Roland Hagenberg

Sprechender Lotus

Ich stand auf einer vollgepackten Bahnhofsplattform
Regen kam vom Nordeingang
auf dem Rücken verwirrter Vögel
als ich den Lotus sprechen hörte:

Dein Leben könnte so einfach sein:
durch die Welt reisen
schreiben, was du siehst
verliebt sein
von Zeit zu Zeit Hände halten!

Warum also die Dunkelheit in deiner Stimme?

Ich weiss, ich weiss, sagte ich
das Leben könnte so einfach sein!
Der Mann vor mir dreht sich um:
Sprechen Sie mit mir?
Ich wollte ihm alles erklären
und überlegte es mir anders

den sprechenden Lotus
hätte er ohnehin nicht gesehen

Biographisches zu Roland Hagenberg [J/AT] »

Roland Hagenberg, Jahrgang 1955,  ist in Wien aufgewachsen und lebt als Künstler und Autor in Tokio. Sein erstes Gedicht veröffentlichte er 1978 in der Zeitschrift »Freibord«. Mit Franz Krahberger gründete er das Literaturmagazin »Die Klinge« mit Beiträgen von Robert Menasse (Deutscher Buchpreise 2017), Friederike Mayröcker, Elfriede Czurda, Ernst Jandl und anderen. Für Magazine und Bücher dokumentierte er in den 80er Jahren die Kunstwelt New Yorks. Seine Fotos von damals sind heute wichtige Zeitdokumente und die Portraits von Künstlern wie Robert Mapplethorpe, Keith Haring, Louise Bourgeois oder Jean-Michel Basquiat immer wieder in Ausstellungen vertreten.  Mit dem Maler Karel Appel arbeitete er zudem an einer Textanthologie und übersetzte Gedichte von Friederike Mayröcker. Songs von Hagenberg sind bisher auf drei CDs erschienen. Er ist Mitglied der Grazer Autorenversammlung und entwickelt zusammen mit japanischen Architekten experimentelle Gästehäuser in Raiding, Geburtsort von Franz Liszt.  Staatsopernsängerin Ildiko Raimondi präsentiert im Rahmen  des internationalen Franz Liszt Festivals März 2018 vertonte Gedichte von Roland Hagenberg. Für das Rationaltheater München schreibt Hagenberg derzeit ein Stück, das im Herbst 2018 aufgeführt werden soll.
www.hagenberg.com

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Siegmund Kleinl [AT]

Text von Siegmund Kleinl
für »cahier d‘art« 2016 »

Flucht aus der Ferne

Im August 2015, es war der 27. Tag des Monats, wurde an der Ostautobahn bei Parndorf im Burgenland (Österreich) ein U-Boot gesichtet, das auf Asphalt gelaufen war.

Da stand es, auf sechs LKW-Räder gebockt, ohne Steuermänner, verlassen, ohne Rettung.

Siegmund Kleinl [AT] weiterlesen

Hamed Abboud [SY]

Textbeitrag von Hamed Abboud
für »cahier d‘art« 2016 »

Übersetzung aus dem Arabischen: Larissa Bender (AT)

Was wurde
aus den
Zugvögeln?


Ich bin kein Flüchtling im Burgenland. Und selbst wenn ich es wäre – denn so steht es auf dem provisorischen grünen Blatt Papier, das ich gleich nach meiner Ankunft hier erhalten habe –, fühle ich mich nicht als ein solcher, denn ich kenne den Landeshauptmann. Er hielt mit seinem Auto und nahm mich mit, als ich auf dem Weg zum Zigarettenladen war. Dass er der Landeshauptmann war, sagte er mir damals nicht, das erfuhr ich erst später. Ich kenne die Männer der Müllabfuhr hier, die Nachbarn und ihren Kater Bruno, und ich kenne die Dorfdeppin, die sich an meinen Anblick gewöhnt hat und meinen Gruß erwidert. Was wird aus der armen Frau werden, wenn ich fort bin? Ich kenne die Betrunkenen, die mir auf dem Markt raten, normale Eier statt Bioeier zu kaufen, weil sie zu teuer seien, und sich dann in aller Ruhe wieder zurückziehen, um sich ein neues Bier zu kaufen.
Hamed Abboud [SY] weiterlesen

Peter Wagner [AT]

Textbeitrag von Peter Wagner
für »cahier d‘art« 2016 »

Numerus
primus – Die Last
der Primzahl


Ein Triptychon

GOBI

Ich fuhr, am Abend dieses Sommers, durch eine Wüste. Es war die Gobi, die in der Betonung der Mongolen kurz gesprochen – und breit gehalten wird. Im Nichts das Leben. Und auch das Aas. Der Fahrer deutete, irgendwann, auf das
glänzende Feld der Schwarzen Tropfen.
Peter Wagner [AT] weiterlesen

Peter Menasse [AT]

Textbeitrag von Peter Menasse
für »cahier d‘art« 2016 »

Fluchtpunkt
Europa – eine
Kakophonie


Acht Haupt- und Nebenwidersprüche

Gewalten-
trennung

Die Staatssekretärin für Diversität: Der Hass zerstört viel
in unserer Gesellschaft. Es soll niemand das Gefühl haben,
dass er dem Hass im Netz ohnmächtig gegenübersteht,
dass er das einfach so hinnehmen muss und nichts tun kann.

Der Blogger: Tötet die Asylanten,
die sich noch im Land befinden.

Der Richter: Freispruch! Das ist keine konkrete
Aufforderung zu einer Straftat.

Chor der politischen Postenbesetzer:
Wir tun unser Bestes. Immer und überall.
Chor der Strafrichter:
Wir handeln streng nach den Buchstaben des Gesetzes.
Nichts ist eindeutig.
Peter Menasse [AT] weiterlesen

Jamil Gharibi [SY]

Zum Symposium 2015
entstandener Text von Jamil Gharibi »

Geschrieben von Jamil Jouda (Jamil Gharibi) /
aus dem Arabischen übersetzt von Dina EI-Ganayny

Written by Jamil Jouda /
translated from arabic by Dina EI-Ganayny


Eine kurze
Geschichte über Syrien

Das ist eine kurze Geschichte über das schreckliche Schicksal eines Landes, welches geografisch gesehen, nicht allzu weit weg von Europa liegt. Sie handelt von Syrien, das Land in dem verschiedenste Kulturen, Religionen und Weltanschauungen, seit tausenden Jahren gemeinsam leben.
Jamil Gharibi [SY] weiterlesen

Siegmund Kleinl [AT]

Zum Symposium 2015
entstandene Texte Siegmund Kleinl »

  1. über fracht et cetera
  2. sie(h)
  3. »Zehn GeBo(o)tschaften an Europa«

über fracht
et cetera

einundsiebzig
vier kinder
acht frauen
neunundfünfzig männer
aus syrien
vom krieg vertrieben
von drei männern
zwei bulgaren
einem afghanen
in einen kühllaster
verfrachtet
auf der A 4
im burgenland
auf einem pannenstreifen
vierundzwanzig stunden
in einem luftlosen frachter
das aggregat
der zustand
acht frauen
vier kinder
in der
kühlbox
neunundfünfzig männer
ohne luft
vier kin
in der
acht frau
menschenfracht
nacht
in der kühl
sagkammer
jammer
vier k
acht fr
neunundfünzig m
auf dem laster
in der kühlbox Siegmund Kleinl [AT] weiterlesen

Gerhard Altmann [AT]

Zum Symposium 2015
entstandene Texte von Gerhard Altmann:


Ich bin Europa!

Mein Urgroßvater Leon kam aus dem Galizischen nach Wien. Aus dem Land Joseph Roths und der Huzulen. Von dort, wo die Zimtläden von Bruno Schulz geöffnet haben. Das Land der Städte Lemberg und Drohobytsch.
Sein Sohn Otto spielte bei den Wiener Symphonikern und am Stadttheater in Luzern. Die Töne seiner Rugieri waren Prunkstücke meiner Kindheit. Ich bin Europa.
Ich sitze in Zürich und erinnere mich an den Großvater, an seine Geschichten aus der Schweiz, wie er mit Motorrad und Frau auf den St. Gotthard fuhr: Gerhard Altmann [AT] weiterlesen

Reflexion zum Symposium 2014

»Offene Raume und unsichtbare Mauern«

Reflexion zum 14. Kunstsymposium
des eu-art-network

Text von Dr. Eva Kekou

Der Fall der Berliner Mauer bedeutete zweifellos eine neue Ära für Europa. Doch was, wenn man die Zeit vor deren Errichtung betrachtet? Wie wirkt sich die tatsachliche Mauer auch noch heute auf die nationale und politische Identität in Europa aus? Welche Situation finden wir eigentlich heutzutage vor, wenn sich kleine Mauern und Hindernisse manchmal sichtbar, manchmal unsichtbar bemerkbar machen?
Reflexion zum Symposium 2014 weiterlesen

Katharina Tiwald [AT]

Zum Symposium 2013
entstandener Text von Katharina Tiwald »


Sehr geehrte Damen und Herren,

ich –

jaja, wir brechen immer mit diesem Ich wie mit der Tür ins
Haus in die Umstände, in die Reden, auch in die amorphe,
ungestalte Gedankensuppe brechen wir ein mit unserem
Ich-Sagen. Wir wachen auf, morgens, und müssen uns das
Ich herbeikonturieren, uns wieder einfassen in ein Ich, uns
eingrenzen; uns als Ich erklären, bevor das mit dem Tagesgeschäft
wieder losgeht. Wir ichisieren uns und müssen
uns ichisieren.
Wir alle sagen Ich irgendwann. Milliarden Ichs ertönen in
der Welt, je nachdem, wo gerade die Sonne aufgeht, und
das Ich-Sagen breitet sich aus wie ein Lauffeuer. »Ich« ist
scheinbar ein einfaches Wort. Aber das ist ein
schnatterndes Ich oder ein
knatterndes Ich, ein
pfeifendes Ich, ein
ächzendes ich oder ein
verwegenes, verträumtes, zerhackendes, spielendes, gespieltes
Ich vielleicht.
Und die Nationen erwachen, jeden Tag. Sie erwachen, von
Osten kommt die Sonne, und da steht z. B. ganz Österreich
auf und sagt: »Ja, hallo, guten Morgen, ich bin Österreich.«
Katharina Tiwald [AT] weiterlesen